Schulsportfeste

Bild von einem Sportplatz, hauptsächlich die Laufbahn

Auf Bluesky gibt es gerade eine Diskussion zum Thema „Sportfest“. Der Auslöser war ein Post, in dem jemand erzählte, dass es im Sportfest der Schule jetzt keine Platzierungen und Sieger mehr gäbe, sondern nur noch Teilnehmer, weil es die Schwächeren diskriminieren könne, wenn andere viel besser seien. Es wurde nach Meinungen gefragt und ich habe eine.

Wenn eine Schule ein Sportfest veranstaltet, hat sie mehrere Möglichkeiten:

a) Schüler, die teilnehmen möchten, melden sich an für Wettbewerbe in den Sportarten, die sie bevorzugen.

Das kann dazu führen, dass es für Wettbewerbe keine oder nur wenige Teilnehmer gibt und es war übrigens mein einziger von einer Platzierung gekrönter Erfolg – ich habe in der Grundschule einmal den Wettbewerb im Skilanglauf gewonnen, weil ich die einzige Teilnehmerin war.

Es birgt also Nachteile für die Schule, so zu verfahren. Für die Schüler hat das den Vorteil, dass niemand, der sich an den Wettbewerben nicht beteiligen möchte, das tun muss und somit auch niemand verpflichtet ist, sich zu blamieren. Insofern wäre das meine bevorzugte Methode.

b) Alle Schüler sind zur Teilnahme verpflichtet.

Das kann dazu führen, dass exterm unsportliche Schüler (wie ich) regelmäßig an diesen Wettbewerben scheitern. Hier sehe ich die Schulen und auch die Elternhäuser in der Pflicht, denen, die scheitern, zu helfen, einen Umgang damit zu finden.

Damals, als ich noch jung war, mussten wir jährlich an den Bundesjugendspielen teilnehmen und wir haben es kollektiv gehasst. Der Ablauf war, dass wir an einem Schultag sämtlich auf dem Sportplatz auftauchen mussten und uns im 100-m-Sprint, Weitspringen und Schlagballwerfen (also einen Ball von ca. 5 cm Durchmesser so weit werfen, wie wir konnten) messen. Es mag sein, dass da noch andere Sportarten dabei waren, meine Erinnerung an diese Ereignisse ist nicht mehr sehr deutlich, weil es auch nicht wichtig war. Wir haben für unsere Leistungen Punkte bekommen und am Ende haben wir Urkunden ausgehändigt bekommen, die unsere Teilnahme bestätigten. Es gab zwei Arten von Urkunden, je nachdem, wie viele Punkte man bekommen hatte.

Aber zurück zum eigentlichen Thema, ein Wettbewerb mit verpflichtender Teilnahme. Wenn eine Schule so etwas veranstaltet, ist sie meiner Ansicht nach verpflichtet, die Schüler im Rahmen des Sportunterrichts darauf vorzubereiten. Die Schüler müssen wissen, dass die Teilnahme das Ziel ist, nicht das Gewinnen des Wettbewerbs. Sie müssen lernen, sich mit denen, die gewinnen, über den Erfolg zu freuen. Und besonders wichtig: Sie müssen lernen, dass eine schlechte sportliche Leistung kein Grund ist, Mitschüler zu schikanieren.

Verpflichtende Wettbewerbe sind eine gute Möglichkeit, Kindern zu zeigen, dass jeder Stärken und Schwächen hat und dass jede davon einen Wert in sich hat. Deswegen finde ich, dass selbst bei verpflichtenden sportlichen Wettbewerben die Erfolgreichen auch geehrt werden sollten – mit Urkunden, eventuell einer kleinen Medaille oder ähnlichem. Man kann den übrigen Teilnehmern auch eine Kleinigkeit in die Hand drücken, als Anerkennung für die Teilnahme. Was man in meinen Augen nicht tun sollte: Den Erfolgreichen den Erfolg mindern oder nehmen (das beraubt sie auf lange Sicht der Motivation) und den Erfolglosen die Möglichkeit nehmen, den Erfolg anderer anzuerkennen und sich mit ihnen zu freuen.

Boshaftigkeiten hat es schon immer gegeben und ich denke nicht, dass es möglich ist, das aus den Menschen herauszuerziehen; ich denke, dass Boshaftigkeit etwas ist, was Menschen ebenso innewohnt wie Gutartigkeit. Und so finde ich, dass es wichtig ist, dass schon Kinder lernen, damit umzugehen.

An dieser Stelle noch etwas zum Thema Schule allgemein: Ich bin ja nun vor sehr langer Zeit zur Schule gegangen und habe später die Elternseite mitbekommen (auch das ist jetzt schon eine ganze Weile her, mein Großer ist 31, der Kleine 28 Jahre alt). Und ich habe selbstverständlich meine Kämpfe zu führen und sicherlich viel zu kritisieren gehabt. Was mich etwas schockiert hat, als meine Kinder zur Schule gingen, war die Tatsache, dass die Lehrer ihren Erziehungsauftrag so vollumfänglich von sich gewiesen haben. Sie haben sich als Bildungsvermittler gesehen und nichts sonst. Das gehört zu den Dingen, die ich nicht verstehen kann.

Eltern können ihren Kindern eine Auswahl an Verhaltensweisen beibringen, die sie für wichtig und nützlich halten, wenn man sich innerhalb der Gesellschaft bewegen möchte. Die meisten Eltern tun das auch. Ob diese Auswahl nun mit den Regeln, die in einer größeren Gemeinschaft, wie es eine Schule ist, übereinstimmt oder ob diese Auswahl für diese größere Gemeinschaft ausreichend ist, ist eine andere Sache. Eine Schule ist, so wie ich sie verstehe, eine Übungsumgebung auch für eine andere soziale Umgebung als es die Familie ist. In der Schule lernen Kinder also nicht nur Deutsch, Mathe, Sachkunde und dergleichen, sondern sie lernen auch, wie man sich Menschen gegenüber verhält, die man nicht oder nicht so gut kennt wie die eigenen Familienmitglieder. Sie lernen, mit Aktionen und Reaktionen anderer umzugehen, die ihnen fremd sind. Das ist in meinen Augen ein ganz wichtiger Aspekt, den Schule vermitteln soll und muss.

Gerade der Unterricht in den „Begabungsfächern“ (MuKuTu – Musik, Kunst, Turnen) ist hier ein extrem wichtiger Aspekt. Dort lernt man, damit umzugehen, dass angestrengtes Arbeiten einen eben nur bis zu einem bestimmten Punkt bringt, dass hier und da eine Begabung notwendig ist und man lernt, anzuerkennen, dass andere besser sind als man selbst. Gerade Sport kann auch, wenn der Unterricht gut ist, Teamgeist lehren, aufeinander zu achten, miteinander zu arbeiten. Das ist etwas, was in den übrigen Fächern gerade wegen der Systematik, die an unseren Schulen herrscht, weit ins Hintertreffen gerät. Dort wird ständig verglichen, dort ist Zusammenarbeit größtenteils unerwünscht, dort schreibt jeder seine Hausaufgabe, seine Schulaufgabe, seine Klausur oder Prüfung allein und ist auf das Wissen angewiesen, das er sich angeeignet hat. Da wird Einzelkämpfermentalität gelehrt und damit auch Missgunst. Da kann Sport und auch ein Sportwettbewerb einen Ausgleich und einen Perspektivwechsel schaffen – es kommt halt immer sehr auf die Leute an, die unterrichten.

Und so laste ich es tatsächlich vor allem den Erziehern, die die Lehrer in meinen Augen sein müssen, an, wenn Schwächere in der Schulumgebung tatsächlich diskriminert werden, weil sie nicht die Leistung bringen (können), die andere bringen. Wenn das an einer Schule passiert, sollte man meiner Meinung nach nicht die Ehrung der Erfolgreichen abschaffen, sondern mit der gesamten Gemeinschaft daran arbeiten, Diskriminierung (Mobbing, Schikane, wie immer man es nennen will) zu sehen, zu benennen und zu beenden. Ich bin der Ansicht dass das geht. Es ist halt wirklich Arbeit – und nicht jeder Erzieher will diese Arbeit leisten.

Betriebsausflug

Am 18. Juni war ich auf dem ersten Betriebsausflug meines Lebens. Die FAU hat Busse gechartert und uns nach Bamberg fahren lassen. Dort erwarteten uns Stadtführungen zu unterschiedlichen Themen:

  • Bamberg und der Dom zum Kennenlernen
  • Von Bierbrauern und Biertrinkern
  • Lebensader Fluss
  • Hexen und Weiberwirtschaft

Wenn ihr jetzt beim Lesen gedacht habt, dass ich doch garantiert die Hexen und Weiberwirtschaft genommen hätte, lagt ihr goldrichtig!

Nach einer knappen Stunde Fahrt kamen wir in Bamberg an und haben uns erst einmal in die diversen Gruppen sortiert. Dann ging’s los. Naja, fast. Bis wir uns dann alle an einem Ort versammelt hatten, hat unsere Führerin uns einige interessante Fakten über die Bamberger Symphoniker erzählt; so nahm das Orchester seinen Anfang mit ehemaligen Mitgliedern des Deutschen Philharmonischen Orchesters Prag, die 1946 aus ihrer Heimat geflüchtet waren. Die Anfänge müssen recht bescheiden gewesen sein mit einer „Konzerthalle“ die wohl eine ziemlich gräßliche Akustik gehabt haben muss. Inzwischen sind die Bamberger Symphoniker ein Orchester von Weltruf und sind regelmäßig auf Tournee. Die Führerin sagte, sie empfehle einen Konzertbesuch unbedingt.

Eingang Markushaus Bamberg

Dann waren wir auch endlich alle da und konnten loslaufen. Die erste

Station war das Markushaus, wo wir von Adalbert Friedrich Marcus und vor allem seiner Gattin Maria Juliana Schlör erfuhren. Maria konnte keine Kinder bekommen und so wurde mit der Zeit aus der Ehe eine ménage à trois, denn er fing – von seiner Ehefrau geduldet – ein Verhältnis mit einer Cousine an, mit der er durchaus Kinder hatte. Unsere Führerin hat uns ausführlich davon erzählt – aber ich habe mir nicht alles gemerkt und außerdem möchte ich hier auch nicht übermäßig spoilern, denn vielleicht möchte ja jemand aus meiner Leserschaft eine solche Stadtführung mitmachen. Ich habe übrigens versucht, im Internet Information über Maria Juliana Schlör zu finden; das ist schwierig bis unmöglich. Die guten Taten ihres Ehemannes sind ausführlich dokumentiert, sie selbst findet höchstens hier und da in Nebensätzen Erwähnung.

Zelt der Religionen

Auf dem Markusplatz, auf dem uns dies alles erzählt wurde, steht auch das Zelt der Religionen, das schon für sich sehr interessant ist.

Institutskirche

Danach waren wir in der Kirche der englischen Fräulein und ihrer Gründerin Maria Ward (eigentlich Mary Ward, denn sie war in der Tat Engländerin); dort hörten wir so einiges über die Gründungsgeschichte dieses Ordens und die Schule, die von ihr gegründet wurde. Außerdem gab es über die heilige Kunigunde einiges zu hören. Ich muss gestehen, dass ich nicht sehr genau zugehört habe, denn die Institutskirche ist ein wunderschönes, barockes Kirchlein mit einem beeindruckenden barocken Altar und ich war damit beschäftigt, das alles anzusehen.

 

Liegende mit Frucht

Unsere nächste Station war der Heumarkt, auf dem die Skulptur „Liegende mit Frucht“ von Fernando Botero bewundert werden kann. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die Erzählungen an diesem Ort komplett vergessen habe – aber Fotos gemacht habe ich, wenigstens das!

Liegende mit Frucht

Danach waren wir noch im Innenhof eines der Universitätsgebäude, das der Kirchgemeinde St. Martin angeschlossen ist (zumindest baulich) und das auch das Naturkundemuseum beherbergt. Den Vortrag dort habe ich nicht mitbekommen, denn ich war zu sehr damit beschäftigt, mich umzusehen.

Trinkwasserbrunnen „Humsera“

Weiter ging es zum Grünen Markt und dort zu dem Trinkwasserbrunen, den eine Skulptur der Marktfrau „Humsera“ ziert. Über sie und ihre Kolleginnen haben wir auch so einiges gehört – und ich habe selbstverständlich ein paar Fotos gemacht, denn ich fand es wirklich zum Piepen, dass da irgendjemand einen grünen Eimer unter den Wasserhahn gestellt hatte.

Das Baugerüst im Hintergrund beherbergte Handwerker, die einen ziemlichen Krawall gemacht haben, was der Fremdenführerin eine stimmliche Herausforderung war. Die hat sie großartig gemeistert, Hut ab!

Der Gabelmann-Brunnen

Danach ging es an die Hexengeschichten – und ehrlich, das war gruselig. Irgendwie denkt man ja immer, dass die Hexenverfolgung „nur“ von der katholischen Kirche ausging und von der heiligen Inquisition haben wir ja alle schon genauso gehört wie vom Hexenhammer. Aber weit gefehlt, die weltlichen Institutionen waren genauso daran beteiligt und die Gerichtsverfahren (wenn man sie denn so nennen möchte) waren nun wirklich ein einziges Grauen. In Bamberg sind diese Vorgänge recht gut dokumentiert, denn, so sagte uns unsere Fremdenführerin, nachdem Bamberg von Napoleon an Bayern gegeben worden war (wovon, nebenbei bemerkt, heute noch gewisse Ressentiments bei den Franken übriggeblieben sind), haben die Bayern die Akten als „Anschürpapier“ verscherbelt. Das wiederum haben einige Privatleute mitbekommen und alles aufgekauft, was sie an Akten bekommen konnten. Von daher ist das Thema Hexenverfolgung in Bamberg tatsächlich sehr gut dokumentiert und wird entsprechend auch erforscht.

Text: Standort des ehem. Malefizhauses (Im Bereich des heutigen Straßenraumes) 1627 als Hexengefängnis errichtet, bald nach 1635 abgebrochen. Von hier aus wurden nach der Folter die Abgeurteilten zur Hinrichtung gebracht.
Tafel am ungefähren Standort des Malefizhauses

Mir ist nicht übermäßig viel vom Vortrag in Erinnerung, denn es war eine sehr gruselige Geschichte von Frauenverachtung (auch wenn natürlich auch Männer „besagt“ wurden), Folter und Mord und sie wurde sehr anschaulich erzählt. Und so setze ich hier nur zwei Fotos in den Beitrag, den ich während dieses Teils der Führung gemacht habe.

Dann war die Führung auch schon zu Ende, es war Mittag und wir waren hungrig. Also sind wir erst einmal in einem Restaurant unterhalb des Doms essen gegangen – wie es sich gehört, fränkisch-deftig. Ich bin sehr stolz auf mich, denn ich habe kein einziges Foto vom Essen gemacht. Ha, nehmt das, Social Media!

Nach dem Essen hatten wir noch ein paar Stunden Zeit und das große Glück, einen Kollegen dabei zu haben, der bis vor gar nicht allzu langer Zeit in Bamberg gewohnt hatte und sich deshalb auskannte. Mit ihm haben wir dann drei der sieben Hügel (ja, wie Rom auch!) Bambergs erklommen und unterwegs vieles gefunden, was schön anzusehen war.

Ich musste zu meinem Leidwesen feststellen, dass es wirklich nicht fit macht, seine Freizeit überwiegend auf dem Sofa zu verbringen, denn mich hat das ganz schön angestrengt – aber es hat sich gelohnt, wirklich! Wenn ihr könnt, steigt auf Bambergs Hügel, auch wenn es steil ist, da findet man wirklich Sehenswertes!

Hier ein paar Fotos von diesem Spaziergang:

 

Diabetesmedikamente, Lieferengpässe und Off-Label-Verwendung

Eine Spritze und Geräte zur Blutzuckermessung

Ich habe Diabetes mellitus Typ 2. Früher nannte man das Altersdiabetes, heutzutage kommt diese Erkrankung immer häufiger auch bei jüngeren Menschen vor. Damit bin ich laut deutscher Diabetes-Gesellschaft eine von mehr als 8 Millionen Deutschen, die daran erkrankt sind. Üblicherweise ist die Ursache eine Kombination aus erblicher Veranlagung (an dieser Stelle danke ich meinen beiden Großmüttern, die mir dieses Erbe hinterlassen haben) und Unvernunft (ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, da bin ich schuldig in beiden Anklagepunkten).

In den entsprechenden Fachkreisen wird auch ein gewisser Zusammenhang zwischen Depression und Diabetes diskutiert; es ist wohl derzeit die Ansicht vorherrschend, dass der Diabetes die Depression nach sich zieht, weil ja doch einige Anpassung an Tagesablauf, Ernährungsgewohnheiten und alltägliche Verhaltensweisen notwendig sind. Es könnte durchaus auch umgekehrt sein – die Depression macht hungrig und lustlos, folglich isst man vieles, was man nicht essen sollte (und auch in Mengen die nicht förderlich sind) und bewegt sich nicht oder nur wenig – wenn dann die Veranlagung auch noch dabei ist, ist die Erkrankung nicht weit weg. Ich als Diabetiker hadere jedenfalls hier und da etwas mit meinem Schicksal, wenn ich Menschen sehe, die stark übergewichtig sind, ansonsten aber gesund und munter wie ein Fisch im Wasser.

Um den Diabetes zu behandeln gibt es Medikamente. Das erste Medikament, das zum Einsatz kommt, ist üblicherweise Metformin, das den Blutzuckerspiegel senkt; der Wirkmechanismus ist im Link beschrieben. Metformin ist dankenswerterweise ein Medikament, das schon sehr lange im Einsatz ist, von daher ist es preiswert, es gibt viele Generika und deshalb ist es eigentlich immer verfügbar.

Bei neueren Medikamenten sieht das anders aus. Die GLP-1-Rezeptoragonisten sind recht neu, ziemlich teuer und nicht nur zur Diabetesbehandlung ausgesprochen beliebt. Und genau das ist der Grund, aus dem ich mich heute hinsetze und diesen Artikel schreibe, denn mein Arzt hat mir bisher ein Medikament aus dieser Gruppe verschrieben, das den Wirkstoff Dulaglutid enthält.

Eine off-label-Verwendung, für die diese Medikamente oft verschrieben werden, ist die Gewichtsreduktion. Gerade in den USA ist für Menschen, die abnehmen möchten, das Medikament Ozempic (Wirkstoff: Semaglutid) der letzte Schrei. In Deutschland kann das für diese Indikation verschrieben werden, wenn der Patient das selbst bezahlt – und das geht schnell ins Geld, denn in der Regel übernehmen die Krankenkassen die Kosten nicht und im März 2024 hat der gemeinsame Bundesausschuss den Verordnungsausschluss für Wegovy (Semaglutid) für die Gewichtsreduktion beschlossen. Meiner Ansicht nach ein richtiger Schritt, denn das Medikament ist derzeit praktisch nicht lieferbar.

Dulaglutid, das in dieselbe Kategorie fällt wie Semaglutid, ist schon seit Januar praktisch nicht mehr lieferbar, es gibt Wartelisten für Patienten, die das Medikament benötigen. Ich stand satte drei Monate auf der Warteliste, ohne dass ich das Medikament bekommen hätte. Deswegen hat mir mein Diabetologe nun Sitagliptin, das in Form von Tabletten kommt, verschrieben. Anderer Wirkstoff, andere Wirkweise, andere mögliche Nebenwirkungen, von denen ich hoffe, dass keine eintreten. Und das kann’s nun echt nicht sein, Freunde!

Die GLP-1-Rezeptoragonisten sind für Diabetiker wichtige, notwendige Medikamente; für stark übergewichtige Menschen, denen eine Diabeteserkrankung droht, verstehe ich die Verschreibung sicher auch. Aber wenn ich in der Apotheke stehe, meine Medikamente abhole und eine offensichtlich völlig normalgewichtige Dame mit ihrem Rezept für Ozempic hereingestürmt kommt und die letzte Packung abstaubt, die die Apotheke vorrätig hat, dann hört mein Verständnis wirklich auf. Für Leute, die ein paar Kilo abnehmen möchten, gibt es wirklich andere Möglichkeiten. Deshalb richte ich heute eine dringende Bitte an Ärzte und Patienten:

Bitte, liebe Ärzte, verordnen Sie diese Medikamentengruppe ausschließlich an die Leute, die diese Medikamente wirklich brauchen: Diabetiker und stark Übergewichtige!

Bitte, liebe gewichtsreduktionswillige Patienten mit wenig Übergewicht: Suchen Sie sich andere Wege, ihr Gewicht zu reduzieren!

Wir, die Diabetiker, brauchen diese Medikamente, um unseren Blutzuckerspiegel in Schach zu halten und über einen längeren Zeitraum nicht auf Insulin angewiesen zu sein! Uns drohen bei Entgleisung des Blutzuckerspiegels üble Begleit- und Folgeerkrankungen. Sicher, es gibt Alternativen zu den GLP-1-Rezeptoragonisten – aber diejenigen, die diese Medikamente nötig haben, sollten sie bekommen können und nicht auf Alternativmedikamente ausweichen müssen.

Weihnachtsmärkte-Bummel

Leuchtende, bunte Sterne vor dunklem Hintergrund

Seit so ungefähr einer Woche habe ich mir vorgenommen, mal auf dem Weihnachtsmarkt vorbeizuschauen – genauer: Auf der Erlanger Waldweihnacht und auf dem historischen Weihnachtsmarkt. Es ist Samstag, ich habe nichts weiter zu tun, und also bin ich um vier Uhr nachmittags losgezockelt. Der historische Weihnachtsmarkt war voll, ein stimmungsvoll gekleideter Mensch bot eine Zaubershow dar, für die er das Publikum um einen Taschendrachen (vulgo: Feuerzeug) bat. Ich konnte nicht viel sehen, deshalb bin ich einmal an den Buden vorbeigelaufen. Es gab Dosenwerfen, Churros, Langos, die Bühne, auf der der Zauberer nicht stand, weil er näher am Publikum sein wollte, Glühwein und ähnliche Getränke, die obligatorische Bratwurstbude, die ebenso obligatorische Süßigkeitenbude, die Feuerzangenbowle, eine Bude mit Taschen und dergleichen und den seit ein paar Jahren immer vorhandenen Hanfbäcker. Und keinen Met. KEIN MET! Schon das zweite Jahr in Reihe. Ich finde das skandalös! Entsprechend enttäuscht bin ich dann weitergewandert zur Waldweihnacht, dem Hauptweihnachtsmarkt auf dem Schlossplatz.

Halb fünf ist eine völlig beknackte Uhrzeit, um dort anzukommen. Die Eltern mit den kleinen Kindern sind noch da, die Glühweindurstigen sind schon da, entsprechend ist es brechend voll. Meine Güte, so viele Menschen auf so kleinem Raum. Ich habe mir die Steingut-Eule, die man mit einem Teelicht beleuchten kann, gekauft, die ich mir vorgenommen hatte, seit ich neulich mal vormittags dort war. 16 Euro, aber das war’s mir wert. Ansonsten werden es gefühlt jedes Jahr mehr Fressbuden, ein paar mit Seife und dergleichen, Kekse, Bonbons, Glühwein und eine Bühne, auf der auch wohl jemand Musik gemacht hat. Ob das jetzt vom Band kam oder live war, weiß ich nicht, ich bin nicht nahe genug an die Bühne herangekommen. Nachdem mir das zu viel war, dachte ich mir, ich könnte ja auch noch den dritten Erlanger Weihnachtsmarkt mitnehmen, nämlich den Altstädter Weihnachtsmarkt.

Gesagt, getan, ich bin also dann die Fußgängerzone entlanggezuckelt, Richtung Martin-Luther-Platz und dann in die Glockenstraße abgebogen. Dort fühlte es sich das erste Mal etwas weihnachtlich an, die Gaststätten hatten sich nicht lumpen lassen mit der Weihnachtsbeleuchtung. Unterwegs habe ich dann auch noch das Erlanger Comic-Museum gefunden, bin aber nicht hineingegangen, denn ich wollte ja auf den Weihnachtsmarkt. Der ist sehr klein und besteht aus sagenhaften vier Buden mit Knöpfen, einer ayurvedischen Ecke, den üblichen Freßbuden, der Glühweinbude und zwei Kunsthandwerkbuden. Auf der Bühne stand ein einsamer Lautsprecher, aus dem es weihnachtlich dudelte, es waren wenig Leute da und die standen alle an der Glühweinbude an. Da war mir dann die Lust auf Glühwein vergangen und ich bin wieder in Richtung Innenstadt gewandert.

In der Fußgängerzone vor Peek und Cloppenburg stand ein Chor und sang wunderschön, außerdem waren noch ein paar Blechbläser strategisch günstig verteilt und ein Mann lief gedankenverloren durch die Fußgängerzone und spielte Akkordeon. Am Neuen Markt bin ich dann einfach in den Rewe und habe mir Met gekauft zum heiß machen und im angeschlossenen Beck habe ich noch Aprikosenstollen dazu besorgt. Jetzt sitze ich hier, schreibe das alles auf und denke mir so, dass ich wohl früher auf den Weihnachtsmarkt muss, wenn ich davon etwas haben will. Vielleicht ist so gegen Mittag eine gute Uhrzeit. Wenn’s mich packt, probiere ich das morgen aus.

Wer Menschenmassen liebt, ist ab ca. 16:30 Uhr auf Waldweihnacht und historischem Weihnachtsmarkt gut aufgehoben, wer es skurril liebt, sollte den Altstädter Weihnachtsmarkt nicht auslassen. Vor allem die Knöpfe sind sehr sehenswert (das meine ich ernst!). Ich liebe keine Menschenmassen und bin sehr froh, wenn ich in meinem Tempo gehen kann, ohne auf andere Leute aufzulaufen oder von anderen Leuten angerempelt zu werden. Insofern ist das für mich nicht wirklich das Wahre. Aber man muss das ja jedes Jahr mal gemacht haben.

Welt-Diabetes-Tag – Tipps für einsame Diabetiker

Symbolbild: Auswahl an süßem Gebäck

Es ist so weit: Heute ist Welt-Diabetes-Tag. Ich habe Diabetes mellitus Typ 2 und bin ziemlich allein damit, insofern ist das eine gute Gelegenheit, ein paar Gedanken zum Thema niederzuschreiben.

Meine verstorbenen Verwandten hatten nicht viel zu vererben; Plattfüße, schlechte Zähne, krumme Wirbelsäule, Gicht, Diabetes. Nun, ich entstamme einer großzügigen Familie und habe in der Folge alles geerbt. Es gäbe theoretisch Schlimmeres, weniger gut Handhabbares. Heute reden wir mal über den Diabetes. Der ist einer meiner ältesten Bekannten, denn meine Großmutter mütterlicherseits hatte ihn. Zu meinen frühesten Erinnerungen gehört meine Oma, mit der ich abends vor dem Fernseher saß, während sie das Insulin in ihrem Spritzapparat (eine Art wiederverwendbarer Pen) aufzog und sich das Insulin in den Oberschenkel spritzte, der mit kleinen blauen Flecken vom Spritzen übersät war. Und ich weiß auch noch, wie sehr ich damals schon genau das nicht wollte.

Diabetes hatte lange Zeit den Ruf, nicht nur vermeidbar zu sein, sondern eine Erkrankung der Disziplinlosigkeit. In den Köpfen sehr vieler Menschen ist der Diabetiker jemand, der sich nicht beherrschen kann, der zu viel und falsch isst, der sozusagen selbst schuld ist. Wir Diabetiker brauchen grundsätzlich keine anderen Leute, um uns dahingehend Vorwürfe zu machen, das können wir problemlos selbst, denn Diabetiker haben ein drei- bis vierfach erhöhtes Risiko, an depressiven Störungen zu erkranken. Sind das nicht großartige Aussichten? Ja, fand ich auch.

Bei mir kam die Depression zuerst, das lag an sehr einschneidenden Ereignissen im Laufe meines Lebens. Der Diabetes kam dann so ungefähr 2015 dazu. Und, um ehrlich zu sein: Ich war beleidigt, sauer, traurig, hoffnungslos und sah mich mit blauen Flecken auf den Oberschenkeln vor dem Fernseher sitzen wie meine Oma. Ich bin heute noch nicht wirklich im Frieden mit dieser Stoffwechselerkrankung, aber die Selbstvorwürfe habe ich größtenteils überwunden.

Wenn ein Diabetes festgestellt wird, kommt hier in Deutschland eine Maschinerie in Gang: Die Krankenkasse macht Angebote, der behandelnde Arzt verordnet Medikamente, man bekommt Broschüren, ein Messgerät und Hilfen, um mit der Erkrankung umgehen zu lernen. Im Internet gibt es tonnenweise Information, es gibt Kochbücher, die zur Hälfte aus Information und zur anderen Hälfte aus Rezepten bestehen. Diabetes kommt um zu bleiben, der geht nicht weg. Mich hat das alles anfangs einigermaßen überwältigt, ich wusste gar nicht, worauf ich mich zuerst konzentrieren sollte.

Mein erster Rat an den geneigten Leser: Lassen Sie vorerst das Internet außen vor, vor allem wenn Sie mit dem Diabetes allein sind. Sicher, die Deutsche Diabetes Gesellschaft, die Deutsche Diabetes Hilfe, die Krankenkassen und auch das Bundesgesundheitsministerium bieten sehr gutes Informationsmaterial an, das macht am Anfang aber nur wuschig. Was für Sie jetzt, ganz am Anfang wichtig ist, ist ihr persönlicher Weg. Wenn Ihr Arzt oder Ihre Krankenkasse Ihnen eine Diabetikerschulung anbietet, dann nehmen Sie vorneweg erst einmal die in Anspruch.

Diabetikerschulungen haben mehrere Vorteile: Sie bekommen Information nicht nur darüber, was das jetzt eigentlich für eine Krankheit ist, die Sie da haben, sie lernen auch andere Leute kennen, die Diabetes haben und eventuell ähnlich enttäuscht von ihrem Körper sind wie Sie. Es ist einfach wichtig, mit einer chronischen Erkrankung nicht allein zu sein und sich bewußt zu machen, dass Sie an Ihrem Diabetes eben nicht selbst schuld sind. Zugegeben, ganz unvermeidlich war er nicht, aber gerade beim Typ 2 spielt das Erbe der Vorfahren doch eine signifikante Rolle.

Was dann als nächstes schwierig wird, vor allem für Singles, ist die Umstellung der Ernährung. Es gibt ein paar Tricks und Kniffe, die man relativ einfach in den Alltag einbauen kann und es gibt einiges, was gewöhungsbedürftig ist. Ich selbst habe insofern Glück, als ich Süßigkeiten nie wirklich gebraucht habe. Sicher, Weihnachten kommt auf uns zu und ich bin selbstverständlich ein großer Fan von Lebkuchen und Schokoladennikoläusen. Ostern ist auch ein kritischer Zeitpunkt, vor allem wegen der Eierlikör-Eier. Aber aufs Ganze gesehen komme ich ohne süßes Zeug aus, kann mittlerweile sogar meinen Kaffee ohne Zucker genießen, wenn ich genug Milch dazu bekommen kann und habe mir Zucker größtenteils abgewöhnt.

Es geht auch nicht darum, vollständig auf alles zu verzichten, was bisher das Leben kulinarisch lebenswert gemacht hat. Es geht um Reduktion und um Umstellung. Was mir die meisten Probleme gemacht hat, war die Umstellung auf Vollkornnudeln – da gab es zu Beginn meines Diabetes kaum preiswerte Produkte, die nicht nach einer Kombination aus Pappe und Schmirgelpapier schmeckten. Das hat sich inzwischen gottseidank geändert. Ansonsten war ich noch nie ein großer Fan von viel Fleisch, Wurst und Fett, insofern war das nicht wirklich problematisch. Mein Tipp an Sie: Wenn Sie einen Tiefkühlschrank haben, besorgen Sie Tiefkühlgemüse, von dem Sie wissen, dass Sie es mögen und horten Sie es, so dass Sie spontan kochen können.

Bücher, vor allem Kochbücher können helfen – müssen aber nicht. Ich rate zum Besuch der örtlichen Bibliothek, die üblicherweise einiges an Lektüre zum Thema vorrätig hat. Lesen Sie dort, bevor Sie sich zum Kauf entschließen. (Man kann das selbstverständlich auch in der Buchhandlung machen, aber nach einer Weile gucken die Leute dort etwas komisch, das kann zu unbeabsichtigten Spontankäufen führen, die Sie später bereuen.) Nutzen Sie gerade die Kochbücher vor allem dafür, die Ernährung während Ihres Arbeitstages diabetesgerecht zu gestalten. Wenn eine Kantine an Ihrem Arbeitsplatz vorhanden sein sollte, prüfen Sie diese auf Diabetikertauglichkeit (ich sage es Ihnen gleich: Sie werden enttäuscht sein). Wenn die Kantine untauglich ist, müssen Sie Ihr Mittagessen selbst mitbringen und bei der Zubereitung transportablen Essens sind so manche Kochbücher wirklich hilfreich.

Das, was am Schwierigsten zu bekommen ist, ist gleichzeitig das Wichtigste: Bewegung. Wenn Sie allein leben und den ganzen Tag arbeiten, kann es gut sein, dass Sie abends einfach keine Lust mehr haben, sich in Bewegung zu setzen. Das ist aber in der Tat der wichtigste Aspekt, wenn Sie Dominanz über den Diabetes erlangen möchten. Ich habe es mit einer Mitgliedschaft in einem Fitness-Studio versucht (völlig erfolglos), mit dem Erwerb eines handlichen, kleinen Steppers, mit dem ich vor dem Fernseher immer mal ein Weilchen üben kann (ich muss ihn demnächst wieder einmal entstauben), mit dem Plan, mindestens dreimal pro Woche einen etwa halbstündigen Spaziergang zu machen (mein innerer Schweinehund lacht diabolisch) – es ist nicht einfach. Setzen Sie sich erreichbare Ziele. Laufen Sie lieber zehn Minuten um dem Block als eine halbe Stunde durch den Wald, den Sie nur mit dem Bus erreichen können. Wichtig ist es zunächst, sich wieder an Bewegung zu gewöhnen, wenn Sie, wie ich, der Bewegung vollständig entwöhnt sind. Und tun Sie Dinge, die Ihnen Spaß machen, zumindest halbwegs.

Wenn Sie mit Ihrem Diabetes und dann eventuell noch einer Depression allein sind, brauchen Sie Verbündete und Information. Es ist nicht wirklich einfach beides in der verläßlichen Variante zu finden, aber mit ein wenig Hartnäckigkeit finden Sie, was Sie brauchen. Haben Sie Geduld mit sich, machen Sie sich keine Vorwürfe, leben Sie nach vorn, lassen Sie sich die Laune nicht vermiesen von einer Erkrankung, die droht, Ihr Leben zu beherrschen. Und gönnen Sie sich hier und da etwas Gutes, das ist wichtiger als endlose Selbstdisziplin und hilft beim Durchhalten.

Ich verlinke Ihnen hier die Deutsche Diabetes-Gesellschaft – wenn Sie Neudiabetiker sind, warten Sie aber wirklich besser mit der Lektüre bis zum Beginn einer Diabetikerschulung, damit Sie Leute haben, mit denen Sie über das dort Gelesene sprechen können.

 

Landtagswahl Bayern 2023 – Programme der Parteien

Vor ein paar Wochen habe ich gesagt, ich wolle die Programme der Parteien, die sich um Sitze im bayerischen Landtag bewerben lesen – zumindest die, die schon drin sind. Was ich bei diesem Versuch gelernt habe: Programme sind weder dafür da, dass sie gelesen werden (sonst hätten wir sie in Flyerform im Briefkasten), noch sagen sie tatsächlich viel aus. Wer wirklich wissen will, wie die Parteien ihre Vorhaben so umsetzen wollen, wird wohl einerseits die Beschlüsse zu den Programmen durchgehen müssen, andererseits einfach abwarten, wie die konkrete Ausgestaltung dann ausfällt.

Die Zusammenfassungen sind selbstverständlich ziemlich subjektiv und es finden sich auch einige sehr subjektive Kommentare im Text. Das liegt daran, dass ich lieber kommentiere als objektiv Bericht erstatte und ich bitte dafür um Nachsicht.

Für die, die gern direkt zu der Partei springen möchten, die sie interessiert, sind hier Sprungmarken:

Das Programm der AfD
Das Programm der CSU
Das Programm der Freien Wähler
Das Programm der FDP
Das Programm der GRÜNEN
Das Programm der SPD

Ich habe mal mit dem Programm der AfD angefangen – vor allem, damit ich das schon mal hinter mir habe.

Das Programm der AfD

Mein Eindruck vom Text insgesamt: Polemisch und viel Gefasel. Es stehen Allgemeinplätze drin, die man jederzeit unterschreiben könnte, dummerweise geht da nicht viel in die Tiefe, dafür hat es satte 100 Seiten. Insgesamt will die AfD mehr direkte Demokratie, sie will sich methodisch hier an die Schweiz anlehnen. Beim Punkt Recht und Inneres gibt es keine Überraschungen, straffällige Ausländer und abgelehnte Asylbewerber abschieben, keine doppelte Staatsbürgerschaft, Deutscher ist, wer von Deutschen abstammt, nicht etwa wer hier geboren ist, es ist auch so einiges zum Thema Islam dabei vom religiös motivierten Terrorismus, der bekämpft werden soll bis hin zur „Kleiderordnung“. So manches wird sicherlich auch außerhalb der AfD als Standpunkt einen Platz finden wie beispielsweise die Tatsache, dass die AfD Beschneidung ohne medizinische Indikation ablehnt – das tue ich auch, es macht mich aber noch lange nicht mit dieser Partei gemein. Sicherheit, Recht und Ordnung durch Stärkung von Polizei und Justiz ist ein Punkt, der schon bei der Lektüre der Zwischenüberschriften Gänsehaut macht, vor allem, weil hier eben auch mit Schlagwörtern (im wahren Sinne des Wortes) wie „Krawallmacher“, „harte Hand“ und „falsche Toleranz“ gearbeitet wird. Einen eigenen Punkt hat sich die „Herrschaft des Unrechts“ (das ist die Überschrift zu Kapitel 3) verdient. Hier wird sich massiv mit Migration beschäftigt und allem, was nach Ansicht der AfD anders zu handhaben sei.

Ein weiterer Punkt, der für mich schwierig wird, ist der Schutz der Familie, also Kapitel 5 und hier gleich der erste Punkt, nämlich das Recht, das ungeborene Kinder auf Leben haben. Hier habe ich mal in den Absatz gespitzt und allein das ist schon einmal ein Grund, diese Partei um Himmels willen nicht zu wählen. Da ist die Rede von der „Tötung Ungeborener“, Frauen sollen auch „in schwierigen Situationen ‚Ja'“ zu ihrem Kind sagen. Auch soll die Schule junge Menschen zu Respekt vor dem Leben erziehen und eine positives Bild von Ehe und Elternschaft vermitteln. Bei der Schwangerschaftskonfliktberatung soll der Vater und auch die „werdenden Großeltern“ einbezogen werden, Adoption und Inpflegenahme als Alternative zur Abtreibung sollen im Beratungsprogramm sein und Adoptionen seien zu erleichtern. Wenn ich das weiterdenke, wird mir sterbensübel. Eigentlich reicht ein Blick in die Vereinigten Staaten auf die Situation, wie sie sich entwickelt hat, nachdem der Oberste Gerichtshof das Urteil Roe v. Wade kassiert hat, um ernsthaft Angst um unsere Frauen und Mädchen zu bekommen.

Die Inhalte zu Bildung und Umwelt, Landwirtschaft und Verbraucherschutz bieten nun nicht wirklich Überraschungen, die AfD steht für ein Menschenbild, das sehr konservativ ist, das Außergewöhnliche ablehnt, insofern von Integration nichts hält und den Status Quo erhalten möchte. Umweltschutz ist vor allem Bestandsschutz, alles möge bleiben, wie es war. Betäubungsloses Schlachten soll verboten werden (das ist wohl dann der Seitenhieb aufs Schächten, denn betäubt wird hier kein Tier, es wird lediglich ein Bolzen ins Gehirn geschossen und vom Geflügel reden wir jetzt mal lieber nicht). Alles in allem ist das nicht anders als erwartet.

Bei der Gesundheitspolitik wird’s dann nochmal interessant, denn hier will die AfD Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung erhalten und kritisiert den „Ausverkauf kommunaler Krankenhäuser an gewinnorientierte private Klinikketten“, sieht aber gleichzeitig, dass es da ein Kostenproblem gibt, das zur Schließung oder eben dem Verkauf dieser Krankenhäuser führt. Da soll es dann jetzt der Freistaat richten, indem er „in verstärktem Maß seinen gesetzlich vorgegebenen Finanzierungs- und Investitionsverpflichtungen“ nachkommt.

Ärzte, die aus dem Ausland kommen und in Bayern eine Approbation beantragen, sollen neben dem Nachweis ausreichender Sprachkenntnisse auch eine obligatorische Kenntnisprüfung zur Feststellung der fachlichen Eignung ablegen, denn sie könnten ihre Nachweise ja auch auf dem „freien Markt“ käuflich erworben haben. Wie sinnig diese Idee ist, kann ich nicht beurteilen, ich stelle mir vor, dass das einen recht erheblichen Bürokratieaufwand mit sich bringen könnte.

Originell wird es dann ein paar Absätze weiter, denn „die AfD Bayern setzt sich dafür ein, dass das in Deutschland tief verwurzelte Berufsbild des Heilpraktikers erhalten bleibt“. Die gesetzlichen Krankenkassen sollen die Kosten solcher Therapien anteilig übernehmen können. Ja, das steht so im Programm.

In der Gesundheitsrubrik findet sich auch die Forderung, die Risiken des neuen Mobilfunkstandards 5G vor seinem flächendeckenden Ausbau „wissenschaftlich neutral“ zu untersuchen.

Aus den Zwischenüberschriften im Kapitel zur Energiepolitik ergibt sich ein relativ rückschrittliches Bild, Energie aus Wind und Sonne scheinen der AfD nicht wirklich eine Option zu sein. Im Kapitel Hightech-Land Bayern findet sich dann auch die Forderung nach Breitbandausbau und E-Government, was mir den Eindruck vermittelt, dass das ein wenig dem Misstrauen gegenüber Mobilfunkstandards zu widersprechen scheint.

Sozialpolitisch ist nicht viel vorhanden. Es geht hauptsächlich um alte Menschen, Rentner und Heimatvertriebene, daneben um die Förderung ehrenamtlicher Projekte, die „ideologiefrei“ (ein Wort, das sich öfter im Programm findet) sein sollen. Unter Arbeitsmarktinitiativen und Integration findet sich dann noch einmal der explizite Ausschluss von abgelehnten Asylbewerbern und illegal eingereisten Personen. „Legal eingereiste Kriegsflüchtlinge“ sollen „auf Zeit unseren Schutz“ bekommen, sie sind aber per Definition nicht legal in Bayern lebende Migranten.

Fazit: Die AfD spricht sicher einiges an Problemen an, wirkliche Lösungsvorschläge finde ich nicht. Dafür finde ich viel Polemik, einiges an rechtlich und/oder finanziell praktisch nicht umsetzbaren Ideen und ein sehr geschlossenes Weltbild.

Das Programm der CSU

Weiter geht es mit der CSU, die ihr Programm mit „Für ein starkes und stabiles Bayern“ überschreibt. In Bayern lebt es sich einfach besser. Regierungsprogramm der Christlich-Sozialen Union 2023 – 2028“ überschreibt.

Auch hier gehe ich nicht auf alles ein, auch wenn das Programm „nur“ 24 Seiten lang ist. Die Einführung „In Bayern lebt es sich einfach besser“ spare ich mir und schaue auf den Plan für ein stabiles, lebens- und liebenswertes Bayern.

Geschickt ist die Formulierung der Überschriften: Wir schützen, wir geben, wir sichern, wir garantieren, wir steuern (was wohl, genau: die Migration), wir unterstützen, wir schaffen, wir verbinden, wir stärken. Wir für euch. Hier gibt es von mir schon einmal eine Eins mit Stern für das konsequente Bedienen des Bedürfnisses des Menschen an sich nach Sicherheit und gutem Aufgehobensein. Aber wie sieht es inhaltlich aus?

Die CSU will Bayerns Wohlstand schützen und die Mitte entlasten. Okay, worin besteht Bayerns Wohlstand und wer ist die Mitte? Der Wohlstand besteht in finanzieller Solidität (was wäre dann genau finanziell solide?), in der höchsten Investitionsquote aller Länder und darin, dass das Land Bayern keine neuen Schulden macht (von den Kommunen redet jetzt mal keiner). Bayern erreicht immer wieder das Spitzenrating AAA/A-1+.

Sehr konkret wird’s dann nicht mehr. Gestaltungsspielräume erhalten, deshalb ausgeglichener Haushalt, Preisbremsen für Bürgerinnen und Bürger, Mittelstand und Industrie. Konkret wird’s bei der Stromsteuer, wo dann tatsächlich mal Werte genannt werden. Kostenlose Meisterausbildung, Handwerk fördern. Ich bin jetzt schon gespannt aufs Bildungsprogramm, denn die vielen Ausbildungsplätze, die der Mittelstand in Bayern zur Verfügung stellt, können leider nicht besetzt werden, weil zu viele Schüler nicht ausbildungsfähig aus der Schule kommen. Ansonsten vermittelt der Absatz den Eindruck, dass die CSU das Handwerk mit dem Mittelstand gleichsetzt.

Darauf folgt Bürokratieabbau und Senkung und Regionalisierung der Erbschaftssteuer. Dann geht’s noch um Gastronomie und Tourismus, was logisch ist, weil ein sehr großer Teil Bayerns von eben dieser Branche lebt. Und dann muss der Länderfinanzausgleich natürlich noch „gerecht“ gestaltet werden. Motto: Bayerisches Steuergeld vor allem für Bayerns Bürger. Das Hemd ist halt immer näher als die Jacke.

Die soziale Sicherheit und Teilhabe: Vorfahrt für Arbeit, unbedingt. Wer arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet. Strafen für die, die arbeiten können, aber nicht wollen. Bürgergeld ist leistungsfeindlich und ungerecht.

Originell ist der Absatz zum Miteinander der Generationen, ich empfehle die Lektüre – ich selbst sehe jetzt nicht wirklich die Sinnhaftigkeit. Schulische Inklusion wird gestärkt, indem die Förderschulen weiterentwickelt werden, diese Diskussionen werden interessant.

Energiepolitisch sollen erneuerbare Energien bis 2030 verdoppelt werden, Photovoltaik verdreifacht (Photovoltaik ist keine erneuerbare Energieform?). 1000 neue Windräder bis 2030, der Wasserkraftanteil auf 25 Prozent gesteigert werden. Bioenergie soll bis 2028 um 15 Prozent gesteigert werden (dabei wird wohlweislich nicht darüber geredet, dass es sich dabei auch wieder um Verbrennung handelt, die bekanntlich mit den entsprechenden Abgasen verbunden ist – aber grundlastfähig ist wichtig, das sehe ich ein). 25 Prozent des Wärmebedarfs soll bis 2050 (!) aus Geothermie gedeckt werden und Bayern soll zum Wasserstoffland Nr. 1 entwickelt werden. Erneuerbare Energien durch Speicher grundlastfähig zu machen ist eine Idee, die ich mag und Netzausbau ist auch immer vonnöten, klar.

Kernenergie soll als Brückentechnologie weitergeführt werden (lustig der Hinweis, dass es eine Grundlast für die Netzstabilität „gerade auch in der windstillen Nacht“ brauche). Ein Energieforschungs-Campus soll Bayern zum Vorreiter bei Kerntechnologie und Kernfusion machen.

Sicherheitspolitisch sollen die Polizeiinspektionen vor Ort bis 2028 1.000 neue Stellen bekommen, voll digitalisierte Streifenwagen zum Abbau der Bürokratie und die Reiterstaffel soll auf insgesamt 100 Pferde aufgestockt werden. Künstliche Intelligenz soll in der Polizeiarbeit sinnvoll eingesetzt werden – da bin ich gespannt auf die technische Umsetzung. Eingegangen wird auch auf die Bekämpfung von Extremismus, Stärkung von Bundeswehr und Katastrophenschutz, Kampf gegen Kindesmissbrauch (in diesem Punkt finden sich dann die wirklich kritischen Vorhaben Vorratsdatenspeicherung, Quellen-TKÜ, Online-Durchsuchung); mehr Stellen für die Justiz und Modernisierung und Digitalisierung der Justiz sind dann die Vorhaben, die den Punkt Sicherheit abschließen.

Weiter geht es mit Migration und der Absatz beginnt mit den Worten „Bayern ist Integrationsland Nr. 1 in Deutschland“. Sehr vernünftig und verständlich ist das Vorhaben, mehr Unterstützung vom Bund für die Kommunen einzufordern. Fordern und Fördern ist der nächste Punkt, dann geht es weiter mit dem Umsetzen von Humanität und Ordnung, in dem noch einmal die konservativen Forderungen wiederholt werden, die gerade im Moment wieder sehr in der Diskussion sind. Rückführungen sollen beschleunigt, Arbeitsmigration verbessert und die Staatsbürgerschaft nicht verschenkt werden, dazu soll die bayerische Grenzpolizei fortgeführt und gestärkt werden.

Familien sind der nächste Punkt, also sind wir bei der Sozialpolitik angelangt. Bayerisches Familiengeld ist der erste Punkt, dann geht es weiter mit Betreuungsangeboten. Hier sollen bis 2028 (gemeinsam mit den Kommunen) 50.000 neue Betreuungsplätze für Kinder unter sechs Jahren und 130.00 neue Plätze für Kinder im Grundschulalter geschaffen werden. Die Betreuungsqualität soll weiter verbessert werden, ab 2024 soll die Anzahl der geförderten Assistenzkräfte auf 1.500 erhöht werden (wie viele es derzeit gibt, wird nicht erwähnt). Der Erzieherberuf soll attraktiver werden, eine familienfreundliche Arbeitswelt gestärkt und das Ehegattensplitting erhalten bleiben.

So, jetzt geht es in meinen bevorzugten Bereich, die Bildung.

Der Vielfalt der Talente will mit der Vielfalt an Bildungswegen gerecht werden, das Schulsystem bleibt gleich: Schulfächer, Lernen in Klassen, Leistungsbewertung durch Noten – vermutlich auch Frontalunterricht. Also weiterhin ein recht unflexibles Lehrsystem innerhalb eines verzweigten Schulsystems. Bei der Einschulung sollen „Deutsch-Kenntnisse“ (!) sichergestellt werden. Sinnvoll, sicherlich. Wie man mit denen umgeht, die die notwendigen Deutschkenntnisse nicht haben, wird nicht erwähnt. Die Schule der Zukunft bekommt mehr Technik und mehr Personal, wie dieses Personal ausgebildet und ertüchtigt sein soll, steht nicht im Programm. Die Grund- und Mittelschulen werden gestärkt, indem die rechtlich selbständigen Grundschulen bestehen bleiben, wo die Eltern dies wünschen. Abgesehen davon gibt es gute Gehälter für die Lehrer, das wars dann auch mal. Das Lehramtsstudium wird gestärkt durch regionale Studienmöglichkeiten, damit die Lehrkräfte dann auch hier bleiben. Der sinnvollste Punkt in diesem Programm ist tatsächlich Schwimmunterricht für alle Kinder.

Heimat und Hightech für den Wohlstand von morgen ist ein interessanter Punkt – hier kommen dann die fetten Investitionsversprechen: Hightech Agenda mit über 5 Mrd. Euro bis 2027, 3.800 geförderte Stellen, 1.000 neue Studienplätze, 20 Spitzenforschungsinstitute. Schwerpunkte: Künstliche Intelligenz, Luft- und Raumfahrt, Robotik, Quantencomputing, CleanTech und SuperTech. Künstliche Intelligenz hat einen eigenen Absatz, hier investiert Bayern 600 Mio. Euro (ist das Teil des oben genannten Investitionsvolumens oder geht das extra?). In diesem Absatz findet sich auch die Förderung der Hardware-Entwicklung, das ist sicher sinnig.

Spitzenmedizin und Biotechnologie sollen gefördert werden, das bayerische Luft- und Raumfahrtprogramm „verstetigt“ werden. Die Forschungsergebnisse der Hochschulen sollen für den Mittelstand einfach zugänglich werden; fragt sich, ob das auch für diejenigen Ergebnisse gilt, die hauptsächlich durch Drittmittel finanziert sind.

Es folgt ein krasser Schnitt: Landwirtschaft. Ohne diesen Abschnitt geht in Bayern eigentlich gar nichts, denn neben Tourismus ist auf dem Land eben die Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Familienbetriebe sollen gestärkt werden, regionale Lebensmittel gefördert, Bürokratie abgebaut und ein Belastungsmoratorium umgesetzt werden. Steuerbefreiung von Agrardiesel und Landmaschinen, keine Gewerbesteuer für Land- und Forstwirtschaft. Tierwohl soll gestärkt werden, die Düngeverordnung praxistauglich gemacht werden, pauschale Flächenstilllegungen verhindert und das Landwirtschaftsministerium gestärkt werden. An den Kitas und Schulen soll das Essen mindestens zur Hälfte aus regionalen Produkten bestehen und es soll ein Fach „Alltagskompetenz“ eingeführt werden, das mehr Wissen und Wertschätzung für die Landwirtschaft vermitteln soll. Den Abschluss des Absatzes bildet der Schutz von Weidehaltung, Alm- und Teichwirtschaft, Wölfe und Fischotter sollen dauerhaft entnommen werden können (ich übernehme hier nur die Formulierung).

Der Abschnitt Umwelt und Klima fordert Klimaneutralität bis 2040, technologieoffen und Im Einklang mit den Bürgern, nicht über Verbote. Originell finde ich, dass sich im nächsten Absatz die Verurteilung der „Klimakleber“ findet. Eigentlich hätte ich das unter den sicherheitspolitischen Punkten vermutet, aber nun gut. Ansonsten: Wälder erhalten und nutzen, Wasser schützen, Renaturierung fördern, Biodiversität erhalten und Artenschutz.

Der Abschnitt über den ländlichen Raum plädiert für gleichwertige Lebensverhältnisse. Ein Drittel des Staatshaushalts geht an die Kommunen im Rahmen des kommunalen Finanzausgleichs. Gleichwertige Lebensverhältnisse in Bayern sollen mit der Strategie „Offensive.Heimat.Bayern 2025“ gesichert werden. Das kann man bestimmt mit der Suchmaschine seines geringsten Misstrauens finden.

Zur Digitalisierung soll die neue bayerische Gigabitrichtlinie Anschlüsse von grauen Flecken fördern. 99% der Haushalte sonne mit schnellem Internet erschlossen sein, das Mobilfunknetz weiter verbessert und Lücken geschlossen werden. Bis wann das passiert sein soll, steht nicht drin.

Abgesehen davon soll der bayerisch-tschechische Grenzraum gestärkt werden.

Mobilität ist auch ein interessantes Thema, damit geht es weiter. Wir behalten mal im Hinterkopf, dass Audi und BMW in Bayern ansässig sind und viele Menschen beschäftigen. Los geht’s mit dem Stärken des Radfahrens, gleich danach kommt ein „‚Ja‘ zum Auto – ‚Nein‘ zu Verboten“. Im Text steht dann auch ein klares „Ja“ zum Verbrenner.

Mobilität soll technologieoffen klimaneutral gemacht werden, die IAA in Bayern bleiben, Straße und Schiene gestärkt und öffentlicher Nah- und Fernverkehr attraktiver gemacht werden. Insgesamt bietet der Absatz meiner Ansicht nach nichts Überraschendes.

Bezahlbaren Wohnraum schafft die CSU durch Planungssicherheit (da geht’s wohl eher um Eigenheime) und um modernes Heizen. Mehr Wohnungen sollen geschaffen werden, öffentlicher Wohnungsbau soll gestärkt werden, Mitarbeiterwohnungen gefördert, Eigenheime ermöglicht und geschützt. Das sind die Zwischenüberschriften.

Gesundheitsversorgung ist auch so ein Punkt, den ich extrem interessant finde, damit geht es dann weiter. Die Gesundheitsvorsorge soll vor allem durch Investitionen in die Krankenhäuser gesichert werden, 100 Mio. Euro gehen über die kommenden fünf Jahre nach dem Willen der CSU dorthin. Geburtshilfe soll gestärkt werden und mehr Ärzte ausgebildet. Letzteres verdient einen genaueren Blick:

Fast 3.000 zusätzliche Studienplätze sollen geschaffen werden, ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Gewinnung und Ausbildung von Notärzten und Notfallsanitätern. Praxisgründungen im ländlichen Rau sollen unterstützt werden, generell sollen vor allem Ärzte für den Beruf des Landarztes begeistert werden, um die Quote zu erhöhen. Ja, da fehlt mir aber noch einiges zum Thema Krankenhausärzte, Arbeitszeiten, Dienste. Wir alle wissen, dass Ärzte schon in der Ausbildung in die Erschöpfung getrieben werden – das war schon vor Jahrzehnten so. Insofern fehlt mir wirklich ein Punkt, der 24-Stunden-Dienste (und längere Dienste) endlich unterbindet und dafür sorgt, dass der Personalschlüssel in Krankenhäusern entsprechend angepasst wird – übrigens auch für das Pflegepersonal, aber vielleicht kommt da ja noch ein Absatz zu letzteren, bisher finde ich nichts.

Pflegende Angehörige sollen durch das bayerische Landespflegegeld unterstützt werden und eine menschliche Pflege gesichert werden, indem die Pflegeinfrastruktur weiter ausgebaut wird. Mehr Fachkräfte in den Pflegeberuf, angemessene Bezahlung, attraktive Rahmenbedingungen, noch dies und das mehr. Ich würde da gerne die Ausgestaltung sehen.

Die Arzeimittelversorgung soll sichergestellt werden, eigene Produktion in Bayern ist Ziel.

Palliativpflege wird erwähnt, allerdings „nur“ als Antwort auf den assistierten Suizid, der abgelehnt wird. Außer der Aussage, dass man sich breiter aufstellen wolle, sind hier aber keine Ideen zu finden.

Letztlich werden dann Drogen geächtet. Legalisierung von Drogen sei der Bundesregierung wichtiger als die Versorgung mit Arzneimitteln, die CSU will verhindern, dass Bayern keine Testregion von Cannabis werde. Das Thema ist kontrovers, hier ist der Standpunkt der CSU.

Im Kultusprogramm, das den Zusammenhalt stärken und die bayerische Identität und Kultur bewahren möchte, findet sich keinerlei Überraschung, insofern gehe ich darüber und über den anschließenden Wahlaufruf hinweg und damit ist das 24-seitige Programm der CSU dann durch. Die Lektüre war streckenweise aufregend. Mein Fazit: Abgesehen von der Wirtschaft, in die eine ganze Menge Geld gesteckt werden soll, ist es in weiten Teilen nebulös und wenig konkret.

Das Programm der Freien Wähler

Die Freien Wähler haben ihr Programm auf 36 Seiten kondensiert, von denen die ersten sechs Seiten aus Inhaltsverzeichnis und Präambel bestehen.

Auf Seite 7 geht es los mit dem Abschnitt „Heimat ist Zukunft“. Der erste Punkt beschäftigt sich damit, dass sie gleichwertige Lebensverhältnisse anstreben möchten und hier liegt die Betonung auf dem ländlichen Raum, den sie wohl doch von der Stadt abgehängt sehen. Nach dem kurzen Absatz, der ins Thema einführt, folgt eine Liste von Zielen, die sie anstreben, was zwar angenehm kurz ist, aber meiner Ansicht nach leider zu viel der Phantasie des Lesers überlässt. Dinge wie Vereine und Ehrenamt stärken, Brauchtum und Traditionen erhalten (hier wird dann auch die Ablehnung der Verschärfung des Waffenrechts für legale Waffenbesitzer wie Jäger und Schützen mit angeführt), den ÖPNV in der Fläche weiterhin ausbauen und attraktiver gestalten (wie?), Krankenhäuser und Geburtsstationen flächendeckend erhalten sind in dieser Liste enthalten. Hier findet sich nichts, was von dem Programm der CSU wesentlich abweicht. Für die Kinder geht es damit los, dass die Erziehungsleistung von Eltern und Großeltern wertgeschätzt werden soll. Was mir ansonsten ins Auge springt: Die Freien Wähler möchten eine verpflichtende Vorschule in allen Kindergärten. Dummerweise sagen sie nicht, was diese Vorschule lehren soll. Ansonsten sind die Abweichungen vom CSU-Programm auch hier marginal.

Machen wir’s hier kurz: Die Freien Wähler haben in den letzten fünf Jahren mit der CSU regiert und wollen das auch weiterhin tun. Hier und da findet sich eine Idee, die von denen der CSU abweicht, insgesamt gibt es aber wenig Unterschiede. Wenn, dann neigen die Freien Wähler eher zu mehr Kontrolle als die CSU, und der Bürgerbeteiligung stehen sie weniger reserviert gegenüber, das war es dann aber auch schon. Nachdem ich das, was ich jetzt schon geschrieben habe, nicht unbedingt wiederkäuen möchte, spare ich mir den Rest, das Programm ist kurz genug als dass man es sich selbst durchlesen kann – es steht als PDF zum Download zur Verfügung.

Das Programm der FDP

Das Landtagswahlprogramm der FDP umfasst satte 120 Seiten. Dieses Buch trägt den Titel „Das Beste liegt vor uns“. Dann schauen wir uns erst einmal das Inhaltsverzeichnis an, das allein schon elf Seiten umfasst.

Im Bildungsprogramm finden sich die Themen frühkindliche Bildung, Schule, Wissenschaft und Forschung, Medien und der öffentlich-rechtliche Rundfunk, Jugendschutz und Kunst und Kultur.

„Vorankommen durch eigene Leistung“ ist der nächste Abschnitt. Hier geht es um neue Energie für Bayern, Wirtschaft und Digitalisierung, berufliche Qualifikation und mehr Chancen durch bessere Teilhabe.

Danach geht es selbstbestimmt in alle Lebenslagen mit eben jener Selbstbestimmung, (den Zwischenüberschriften nach ein bunter Strauß an sozialpolitischen Themen), dann Justiz, schlanker Staat und Demokratie, Blaulicht und Sicherheit, Sport, bayrischer Aktionsplan LGBTIQ*, Gesundheit und Pflege und zu guter Letzt dann Religion.

Freiheit und Menschenrechte weltweit befasst sich ebenfalls mit einem bunten Strauß an (in diesem Fall) innen- und außenpolitischen Themen.

Politik, die rechnen kann ist der nächste Abschnitt, hier geht es um (Steuer-)Geld, Haushalt, Finanzen.

Nachhaltigkeit durch Innovation ist die nächste Abschnittsüberschrift, hier gibt es wieder Zwischenüberschriften. Mobilität für unsere Kommunen, Bauen, Wohnen und Stadtentwicklung, Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Umwelt und Klima schützen, Digitales und Netzpolitik sind hier die Subthemen.

Ich wähle zur genaueren Betrachtung aus diesem sehr ausführlichen Programm den Abschnitt zur Bildung. Wer mehr wissen möchte, kann sich das Programm ja herunterladen, das gibt es als PDF bei der bayerischen FDP.

Eine bessere Fachkraft-Kind-Relation an Kitas, mehr Fachberatung, begrenzte Gruppengrößen und mehr Medienkompetenz sind die Forderungen für die Qualitätsoffensive in der frühkindlichen Bildung. Erzieherinnen und Erzieher sollen mehr Zeit für die Kinder haben statt für Bürokratie. Warum die FDP sich nicht dafür einsetzt für die bürokratischen Aufgaben Menschen einzustellen, die diese abarbeiten, zumindest den arbeitsintensiven, aber nicht fachgebundenen Teil, verstehe ich nicht recht. Aber vermutlich ist das eine Finanzfrage.

Eine Landeselternvertretung für Eltern von Kita-Kindern wird als nächstes gefordert. Wenn ich mir ansehe, was meine Lebensrealität war, als meine Kinder in dem Alter waren, hege ich arge Befürchtungen, was den Zuspruch zu dieser Institution anbelangen wird. Ja, ich verstehe den Hintergrund, aber auch der Tag von Kita-Kindereltern hat nur 24 Stunden und hier gibt es kein zusätzliches Betreuungspersonal. Ich weiß also nicht, ob das eine gute Idee wäre.

Deutsch-Vorkurse stehen als nächstes im Programm für Kinder ab fünf Jahren, eventuell auch früher. Da kommt es auf die Ausgestaltung an, aber grundsätzlich ist die Idee lobenswert.

Mehr Kinderbetreuungsplätze sind die nächste Forderung aus dem Programm, dazu gibt es nicht viel zu sagen. Der nächste Punkt sind mehr bilinguale Kitaplätze, wissenschaftlich begleitetes Konzept, Anwerbung von Muttersprachlern. Auf Deutsch: Möchten wir machen, haben den Plan aber nicht in der Schublade. Flexi-Kitas für schichtarbeitende Eltern sind auch eine gute Idee. Dann gibt’s noch ein paar Ideen zur Bekämpfung des Fachkräftemangels in der Kita an sich.

Weiter geht es in der Schule. Erster Punkt: Beste Lehrkräfte gewinnen und Leistung fördern. Das klingt schon einmal sehr nach FDP, ja. Direkte Bewerbungen an die jeweilige Wunschschule statt Zuteilung sind eine gute Idee – ich sehe da nur ein Problem für die Schulen auf dem Land. Die Lehrkräfte zu leistungsorientierten Konditionen anzustellen ist generell eine gute Idee, allerdings frage ich mich, woran die Leistung der Lehrer gemessen werden soll. Hospitation und Supervision sind in der bayerischen Schule nicht vorgesehen. Der Lehrer ist König in seinem Klassenzimmer (spätestens, sobald das Referendariat durch ist). Wie also soll da eine objektive Bewertung stattfinden? Noten, von den Schülern vergeben? Das sind ja die einzigen, die den Lehrer bei der Arbeit sehen. Aber es ist eine spannende Idee.

Freie Schulwahl statt Sprengelschule – ebenfalls eine grundsätzlich schöne Idee. Geeignete Schulen sollen durch „transparente Qualitätsrankings“ für Eltern und Schüler identifizierbar sein. Diese Rankings müssten aber noch entwickelt werden, was bedeutet, dass wir in den nächsten zehn Jahren nichts davon sehen werden, selbst wenn die FDP in Bayern an der Regierung beteiligt werden sollte. Bildungsgutscheine (nicht für die Schüler, sondern für die Schule, als Pauschale pro Schüler) sollen für eine gerechte Finanzierung sorgen.

Staatliche Vorschriften sollen halbiert werden, um den Schulen vor Ort mehr Gestaltungsfreiräume zu schaffen. Eigenverantwortliche Schulen soll es geben, eine Vertrauenskultur. Allerdings soll das Kultusministerium für Abschlüsse, Rahmenlehrpläne, Kerncurricula, das Finanzierungssystem und grundsätzliche rechtliche Fragestellungen zuständig bleiben.

Personalentscheidungen sollen in die Hand der Schulen (auch wieder über den Bildungsgutschein) und sie sollen die Budgethoheit haben (entweder sind hier Redundanzen oder ich hatte den Abschnitt zum Bildungsgutschein nicht verstanden). Gestaltungsfreiheit in der Pädagogik hört sich sperrig an und so, wie ich den Abschnitt lese, soll hier inhaltlich mehr Wahlmöglichkeit für die Lehrer geschaffen werden. Systemisch sehe ich keine Veränderungsansätze – die wären meiner Ansicht nach aber dringend nötig.

Für Fairness und Vergleichbarkeit hat sich die FDP den Klotz der Diskussion in der Kultusministerkonferenz ans Bein gebunden: Zentrale Inhalte für die Abschlussprüfungen, deren Standards sich an den Ländern mit dem höchsten Bildungserfolg orientieren. Da sehe ich jetzt schon so einige Kultusminister ein hartes Veto einlegen.

Zum Übertritt will die FDP systematisch ein wenig schrauben, aber nicht an dem meiner Ansicht nach wichtigsten Punkt: Wir sortieren zu früh. Wenn Bayern wieder 13 Schuljahre bis zum Abitur hat, ist es dicke genug, wenn da nach der sechsten Klasse sortiert wird. Aber was weiß ich schon, ich bin ja keine Pädagogin.

Schriftliche Schulabschlussprüfungen möchte die FDP nicht nur landesweit zentral stellen, sondern auch einer externen Zweitkorrektur unterziehen, digitalisiert, anonymisiert und dann dokumentiert. Vergleichbarkeit ist wichtig, deshalb hätte ich hier den Weg gerne genauer gesehen, der da gegangen werden soll.

Interessant ist der Teil des Programms, der sich mit der Digitalisierung in der Schule beschäftigt; es beginnt mit der Ausstattung aller Schüler mit einem digitalen Endgerät. Die Finanzierung soll über den oben erwähnten Bildungsgutschein erfolgen. Außerdem will die FDP die Systembetreuung professionalisieren. Die Systemadministration soll auf Ebene des Landkreises, der Stadt oder der Kommune erfolgen. Ich halte es für richtig und wichtig, die IT-Administration in die Hände von Profis zu geben und den Lehrern damit mehr Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben zu geben, ja sogar die Idee eines bayernweiten Helpdesks für digitale Endgeräte, digitale Lehre und Plattformen steht mit im Programm, das ist ein echter Pluspunkt.

Die FDP möchte das ganze Schulsystem von Grund auf „digital denken“. Lernsoftware, Lernplattformen, leistungsfähiges WLAN und Breitband sind Vorhaben, die verwirklicht werden sollen. Was ich hier nicht sehe, ist Lehrerfortbildung, was ernsthaft schade ist. Auch, ob neben schlichter Digitalisierung auch wirklich systemischer Fortschritt auf pädagogischer Ebene ein Thema ist, bleibt im Dunkeln. Dafür sollen KI-Chatmodelle als Hilfsmittel eingesetzt und offen mitgestaltet werden.

Ich gehe mal über die Absätze zur Ganztagsbildung, dem mehrgliedrigen Schulsystem und der Durchlässigkeit hinweg, die jetzt nicht viel Interessantes bieten. Der Absatz über Mittelschulen liest sich für mich, als ob die FDP diesen Schulen mehr Freiheit zum Ausprobieren alternativer Wege zum Ziel geben möchte. Damit wird also schon im Programm festgeschrieben, was nicht passieren wird, wenn es nach dieser Partei geht: Konzertierte Anstrengungen, das Schulsystem insgesamt zu reformieren. Das wird den Mittelschulen überlassen – anscheinend ist es zu gefährlich, die leistungstragenden Gymnasien und Realschulen da einzubeziehen, dort wird schlicht weitergemacht wie immer, nur eben digitaler. In Talentschulen sollen vor allem in „Brennpunktvierteln“, aber auch in strukturschwachen ländlichen Räumen Ungleichbehandlung abgebaut werden.

Am Gymnasium will die FDP das Niveau heben, ein Kurssystem schon vor der Oberstufe prüfen und qualifiziertes Personal hätten sie auch gerne – mit der Wiedereinführung des G9 werden über 1000 zusätzliche Lehrkräfte benötigt, richtig.

Im Abschnitt über Schulen in freier Trägerschaft ist von Wettbewerbsbedingungen und fairen Marktbedingungen die Rede – allein diese Herangehensweise macht mich misstrauisch, auch wenn der Absatz sich nett liest. Das Vorhaben, Schulpsychologie und -sozialarbeit zu reformieren liest sich für mich eher nach einer Weiterentwicklung, aber auch das wäre gut.

Inklusion soll sich nach den Schülerinnen und Schülern richten, chronisch Kranke integrieren, Barrierefreiheit und Schulbegleitung bekommen ebenfalls ein wenig Aufmerksamkeit – die Lektüre dieses Abschnitts lässt mich mit einem gewissen ich-weiss-nicht-Gefühl zurück. Hier halte ich mich aber wegen mangelnder Fachkenntnis zurück, eventuell kann dazu ja jemand mit Fachwissen und Erfahrung kommentieren.

Lehrkräfte sind der nächste große Abschnitt; die FDP will tatsächlich heftig investieren, zunächst mit einer mobilen und integrierten Lehrerreserve – über den Bildungsgutschein in der Eigenverantwortung der Schulen. Und dann geht’s an die beruflichen Dinge. Unterschiedliche Laufbahnmodelle, Fortbildungskonzepte und -zeiten, eigeninitiatives Arbeiten am beruflichen Vorankommen anstatt Abwarten von Sitzprämien. Auf das Studium soll das Bachelor-Master-System angewandt werden – die Lektüre dieses Abschnitts lässt mich ambivalent zurück, ich bin keine Freundin dieses Systems. Aber das mag bitte auch jemand beurteilen, der mehr Ahnung und weniger Vorurteile hat.

Das dicke Brett, das gebohrt wird, sind die Leistungsanreize auch für verbeamtete Lehrer – das läuft auf nichts mehr als eine Reform der rechtlichen Grundlagen hinaus. Ein schönes Vorhaben, das aus der Opposition heraus definitiv keine Aussichten auf Erfolg hat – und in der bayerischen Landesregierung sehe ich die FDP nun wirklich nicht. Ich verstehe auch das Vorhaben, durch finanzielle Anreize (Leistungsprämien, Zulagensystem) die Attraktivität des Berufs zu erhöhen, allein die Kohle macht’s aber wirklich nicht.

Ab hier finde ich die Reihenfolge der behandelten Punkte etwas verwirrend, aber sei’s drum: Demokratie soll eingeübt werden, der Religions- und Ethikunterricht umgebaut werden zu einem Dialogunterricht zu Religions- und Weltanschauungsfragen, Medienkompetenz soll gestärkt werden, politische Bildung ebenfalls, ökonomische Bildung als Grundlage eines selbstbestimmten Lebens wird angestrebt und „Lernen zu handeln“ soll der Schule Realität bringen. Dazu soll Schüleraustausch erleichtert werden, Aufklärung über sexuelle Grenzüberschreitungen ist der FDP besonders wichtig, es gibt einen kurzen Absatz zu MINT-Kompetenzschulen und Bewegung und Sport sollen zum zentralen Baustein der Angebote unserer Gesellschaft an junge Menschen werden. Hehre Ziele, wer es genauer braucht, möge selbst lesen.

Nachdem der nächste Abschnitt sich mit Erwachsenenbildung beschäftigt, dachte ich, wir wären dann mit der Schule für Kinder und Jugendliche durch, aber nein, es geht mit Schulbeginn um neun Uhr weiter, dann mit digitalen Enrichmentprogrammen für Schüler in ländlichen Regionen, wo das analoge Angebot dürftig ist und dann geht es noch einmal um Sex, nämlich Aufklärung und hochwertigen Sexualkundeunterricht und zum guten Schluss für die Schulen steht noch eine Null-Toleranz-Strategie gegen Mobbing an Schulen im Programm.

Zur Erwachsenenbildung enthält das Bildungsprogramm der FDP im Abschnitt „Schule“ das Vorhaben, das Angebot der Volkshochschulen und anderer Erwachsenenbildungsträger flächendeckend zu unterstützen, für neue Träger sollen die Einstiegshürden des Bayerischen Erwachsenenbildungsförderungsgesetzes gesenkt und gleichzeitig auf eine aktive Qualitätskontrolle geachtet werden. Für die ältere Generation soll die Bildung/Weiterbildung unter dem Vorzeichen des lebenslangen Lernens schlicht kontinuierlich weiterentwickelt werden.

Hier verlasse ich jetzt das 120-seitige Programm der FDP und empfehle jedem, der erwägt, diese Partei zu wählen, die Lektüre des gesamten Programms. Das Augenmerk sollte dabei auf der Suche nach konkreten Handlungsvorhaben liegen, denn die gehen in der Textmenge zum Teil unter. Noch eine kleine Anmerkung zu eventuell inkonsistenten oder redundanten Anteilen im Programm: Auch wenn das nicht so sein sollte, kommt so etwas vor, wenn man als Parteigemeinschaft nicht darauf achtet, seine Beschlusslage regelmäßig zu überprüfen. Und ich kenne keine Partei, in der die Beschlüsse regelmäßig auf Widersprüche und Wiederholungen überprüft werden. Hier bin ich aufgrund eigener leidvoller Erfahrung geneigt, nachsichtig zu sein.

Das Programm der Grünen

Die Grünen bieten dem geneigten Leser 103 Seiten Programm. Was mir an diesem Programm aber besonders gefällt, ist die Tatsache, dass immer wieder im Text konkrete Projekte eingeflochten sind. Das führt mich zu dem Rückschluss, dass es diese Punkte sind, die beispielsweise in einem Koalitionsvertrag Eingang finden würden. Ich konzentriere mich hier also auf diese Punkte.

Die ersten drei Projekte finden sich im Bereich der Energie: Die Grünen wollen die Wasserkraftwerke an Donau, Isar, Lech und Main von Uniper zurückkaufen. Dazu möchten sie ein öffentliches Energieunternehmen für den Freistaat gründen, das, wie oben erwähnt die Wasserkraftwerke zurückholt, Erkundungsbohrungen für Geothermieanlagen durchführt, pro Jahr 1000 Solarenergie-Anlagen auf Dächern, Fassaden und Parkplätzen installiert und im Staatswald 400 Windräder errichten lässt. Dazu habe ich dann ein paar Fragen – die vordringlichste wäre zu den 1000 Solarenergie-Anlagen: Welche Leistung ist denn da angedacht? Insgesamt wäre es natürlich auch interessant zu wissen, welchen Anteil am gesamten Energiebedarf Bayerns sie dann damit decken und wie unabhängig uns das von fossilen/konservativen Energieerzeugungsmethoden macht. Das dritte Projekt besteht in der Solarpflicht bei Neubauten aller Art und verpflichtender Nachrüstung bei wesentlichen Dachsanierungen. Ausführlich ist das alles im Kapitel 1.2 „Die Energiewende zum Erfolg für alle machen“. Dort findet sich auch noch einiges an weiteren Ideen wie Bürgerenergieprojekte, regionale Energiegenossenschaften und dergleichen. Der gesamte Abschnitt ist recht ausführlich, ich empfehle die Lektüre.

Kapitel 1.3 kümmert sich um Natur und Umweltschutz, was bei den Grünen jetzt nicht wirklich überrascht. Die Projekte, die hier konkretisiert werden, sind eine Senkung des Flächenverbrauchs, Freiflächen-Solaranlagen und Wasserschutz. Auch hier keine großen Überraschungen, das ist Kernthema der Grünen, alles sehr gut ausformuliert und ansprechend. Auch hier empfehle ich die Lektüre des Abschnitts.

Unter 1.4 findet sich die Herangehensweise der Grünen an die Mobilität, nämlich klimafreundlich, sicher und bequem. Was mich an dieser Stelle besonders interessiert, ist die Mobilität außerhalb der Ballungsräume – letztere sind ja recht gut versorgt, auch wenn es sicher im Bereich Abgase noch Verbesserungsbedarf gibt. Da sollen beispielsweise „alle geeigneten stillgelegten Bahnstrecken in ganz Bayern“ reaktiviert werden, was der ländlichen Bevölkerung durchaus einige Möglichkeiten wiedererschließen könnte. Den Radverkehrsanteil möchten die Grünen bis 2030 von 11 auf 25 Prozent steigern. Die konkreten Projekte: Das Klimaticket Bayern soll als Weiterentwicklung des 49-Euro-Tickets für 29 Euro zur Nutzung des Nahverkehrs bayernweit zur Verfügung stehen. Dass Radentscheid und Radgesetz umgesetzt werden sollen mit einem lückenlosen Netz aus komfortablen und sicheren Radwegen und zusätzlich Radschnellwegen für wichtige Pendelstrecken sollte jetzt ebensowenig überraschen wie Pläne für geschützte Fahrradabstellmöglichkeiten und eine bessere Fahrradmitnahme im ÖPNV. Auch das Projekt Tempo 30 innerorts sollte niemanden überraschen, die Argumentation dafür ist meiner Ansicht nach hinreichend bekannt und braucht hier nicht mehr wiederholt zu werden.

Auch bezüglich Landwirtschaft, gesunder Ernährung, Tierschutz und Verbraucherschutz (Kapitel 1.5) findet sich, was man bei den Grünen erwartet: Bio-regionale Produktvielfalt, ökologische Landwirtschaft weiter fördern und ausbauen, Ökologie in allen Lebensbereichen alltäglich machen, Forschung und Lehre für Agrarökologie ist als Idee auch nicht überraschend, vor allem der Wille zu einer Landwirtschaft ohne chemisch-synthetische Pestizide und „bienentötende Neonicotinoide“. Nachhaltige Landwirtschaft wollen die Grünen und das ist sehr verständlich. Gentechnikfreiheit in der Landwirtschaft, Erhaltung und Förderung der Saatgutvielfalt, Landwirtschaft im Zusammenhang mit Klimaschutz sind ebenfalls sehr grüne Anliegen. Auch der restliche Abschnitt sagt aus, was die Grünen seit Jahren sagen, insofern gehe ich jetzt mal darüber hinweg – auch dieses Programm ist ja als PDF erhältlich, da kann der geneigte Leser sich informieren. Projekte in diesem Abschnitt sind Die Förderung der Transformation von konventionellen Betrieben hin zu klimaangepasster Landwirtschaft, solidarischer Landwirtschaft, Agrarforstsystemen, so dass die Landwirte und Gärtner Methoden dazu ausprobieren können. Dazu gibt es ein kommunales Gärten- und Küchenprogramm, mit dem gärtnerische Selbstversorgung, Selberkochen und regionale Lebensmittel in den Mittelpunkt kommen sollen. Außerdem gibt es noch eine Ausbildungsoffensive für die Berufe des Lebensmittelhandwerks und den Beruf Koch/Köchin. Gesundheit, nachhaltiger Einkauf und Konsum von Lebensmitteln, auch pflanzliche Gerichte sollen Teil der Ausbildung werden.

Den Wirtschaftsteil überspringe ich hier und gehe gleich zum Thema Soziales/Bildung/Leben, das ist der dritte Abschnitt.

Unter 3.1 gibt es Ideen für eine gute Kindheit und Jugend. Kinder sollen gesund aufwachsen, auch hier finde ich nichts, was ich nicht von den Grünen erwartet hätte. Einen näheren Blick verdient der Abschnitt „in Sicherheit aufwachsen“, denke ich. Kinder sollen vor Gewalt geschützt werden, und zwar online und offline und dieser Schutz soll in Bayern deutlich ausgebaut werden. Kinderrechte sollen in die Verfassung, in der Konsequenz sollen Fortschritte und Versorgungslücken im Kinderschutz beobachtet werden und mit maßgeschneiderten Programmen möchten die Grünen dann auch nachsteuern, falls nötig. Hier fehlt mir eine Aussage über den Status quo, so dass man auch weiß, von welchem Punkt man ausgeht. Eine landesweite Ombudsstelle der Kinder- und Jugendhilfe soll Konflikten vorbeugen und das soll die bestehenden Angebote ergänzen. Präventionsprogramme werden ebenfalls erwähnt. Das Vorgehen gegen die Verbreitung von Gewaltdarstellungen, Missbrauchsdarstellungen, Beleidigungen und extremistischen Materialien unter Kindern und Jugendlichen an Schulen hätte ich gern etwas genauer definiert, da finde ich in diesem ausführlichen Programm den Absatz sehr kurz.

Unter „In Solidarität aufwachsen“ sieht man den Gegensatz zur FDP sehr schön, denn die Grünen möchten auch multiprofessionelle Teams, die sich um die Kinder kümmern sollen, aber hier ist tatsächlich eine andere Betonung spürbar. Inklusion scheint hier eben auch etwas zu sein, für das man auch bei armutsbetroffenen Kindern sorgen sollte und wofür es dann eben auch eine entsprechende Sensibilität beim Schulpersonal braucht. Inklusion zum Nachteilsausgleich für Kinder, denen Barrieren das Leben schwermacht ist auch bei den Grünen im Programm zu finden, klar und die Kindergrundsicherung als Vorhaben im Bund wird von den bayerischen Grünen unterstützt. Teilhabe wird groß geschrieben.

Es kommt dann noch der Punkt „Wir trauen der Jugend etwas zu“, der sich mit außerschulischen Aktivitäten, der Förderung von Vereinen und dem Lob des Bayerischen Jugendrings, der von den Grünen unterstützt wird beschäftigt. Insgesamt kommen dann noch ein paar Gedanken und Ideen zur Eigenständigkeit von Kindern und Jugendlichen und zu guter Letzt die Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre. Und nun zu den Projekten:

Wahlalter 16 heißt denn auch gleich das erste Projekt und zwar für Kommunal-, Bezirks- und Landtagswahlen sowie Volks- und Bürgerentscheide. Damit das auch klappt soll die politische Bildung in den Lehrplänen der Schulen wesentlich früher angesiedelt werden – allerdings sagen die Grünen nicht, wann sie das gern hätten, das wüsste ich aber gern. Das zweite Projekt beschäftigt sich mit der Erhaltung der Jugendhilfe in Bayern, denn das betrachten die Grünen nicht als Luxus sondern als staatliche Pflichtaufgabe. Das hört sich an, als ob jemand die Kinder- und Jugendhilfe in Bayern abschaffen wolle, aber es geht wohl eher darum, dass Eigenanteile, die für die Teilnahme an geförderten Programmen aufgebracht werden sollen, nicht ausschließlich finanziell geleistet werden sollen, sondern auch in ehrenamtlicher Arbeit, Sachwerten und Verwaltungsdiensten erbracht werden können. Das dritte Projekt in diesem Zusammenhang soll die Möglichkeit für Jugendliche schaffen, in Jugendzentren durch Games zusammenzufinden und den verantwortungsvollen Umgang mit Games in pädagogischen Begleitprojekten zu erlernen. Für die Älteren unter uns: Ich gehe davon aus, dass hier Computerspiele gemeint sind.

Im Abschnitt 3.2 zu Kita und Schule der Zukunft sehe ich mir hauptsächlich die Projekte an, denn das dürfte die Aussage sein, die ich für meine Entscheidung benötige. Es ist viel Text in diesem Abschnitt zu frühkindlicher Bildung, der Lern- und Lebenswelt Schule, der Schule der Demokratie (hier kommt dann auch der Hinweis auf das Mehr an politischer Bildung für die Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre) für die Kinder und Jugendlichen. Für die Lehrer steht auch hier schon einmal die Verbesserung des Gehalts der Lehrer an den Grund- und Mittelschulen und ein paar Worte zu Quereinsteigern. Auch die Grünen wollen das Lehramtsstudium in ein Bachelor-Master-System überführen. Hier sind die Vorhaben recht konkret formuliert, das ist schon einmal schön. Die Schulleitung wollen sie, wenn ich das richtig verstehe, als eigenen Beruf etablieren – das wäre, je nach Ausgestaltung, sogar wünschenswert. Und nun zu den Projekten in diesem Abschnitt:

Schulstress reduzieren und Übertritt vereinfachen ist das Projekt, das die bindenden Notendurchschnitte für den Übertritt in die weiterführenden Schulen zugunsten einer guten Beratung durch die Schule der Eltern abschaffen soll. Das ist auch wieder ein Projekt, dessen Ausgestaltung ich etwas ausführlicher sehen möchte.

Originell finde ich, dass hier als Projekt die Sanierung von 4800 Schulen und ihre Ausrüstung mit Solaranlagen angeführt wird. Man verstehe mich nicht falsch, sicher ist das ein sehr grünes und sehr lohnenswertes Ziel, aber an dieser Stelle hätte ich das einfach nicht erwartet, denn das ist ja eher im Thema Nachhaltigkeit bzw. Energie angesiedelt. Soll das dann aus dem Landestopf für Bildung finanziert werden? Wenn ja, finde ich das bedenklich.

Und letztlich gibt es noch ein Projekt, im Rahmen dessen Bildungsverlaufsdaten erhoben werden sollen. Ziel ist es, die Quote von Schulabbrechern zu reduzieren, die Wirksamkeit von Unterstützungsangeboten zu steigern und zu verhindern, dass Menschen durchs Raster fallen.

Im Abschnitt 3 gibt es dann noch einiges zu Arbeit und beruflicher Bildung, Lebensabend und Barrierefreiheit sowie Pflege und Gesundheitsversorgung und beende damit meinen Gang durch dieses Programm, denn ich denke, dass man so durchaus schon einen ganz ordentlichen Eindruck von dem bekommt, was die Grünen so wollen.

Fazit: Die Grünen bleiben sich größtenteils treu. Sie formulieren Projekte, die sie im Fall einer Regierungsbeteiligung realisieren möchten, was sie angenehm von den anderen Parteien abhebt.

Das Programm der SPD

Zukunft für Bayern. Soziale Politik für Dich. Das Zukunftsprogramm der BAYERNSPD. So steht es über dem Programm, das 84 Seiten umfasst.

Behandelt werden viele Themen, ich werde mir die Bildung (Bereich Schule) ansehen, dann vielleicht noch Gesundheit und Pflege, vielleicht auch noch Digitales. Wir werden sehen, wie viel zu den einzelnen Themen zu sagen ist.
In die Schule der Zukunft soll investiert werden, die Kommunen sollen nach dem Willen der SPD Geld bekommen. Für den Unterricht an den bayerischen Schulen werden Schwerpunkte genannt: lebenspraktische Kompetenzen wie Kommunikation und Teamfähigkeit, kritisches Denken (!), umsichtiger Umgang mit Medien und der Aufbau eines stabilen Selbstbewusstseins sollen im und mit dem Unterricht verstärkt gefördert werden. Außerdem will die SPD etwas sehr sinnvolles: Flexibles lernen in Projekten und Möglichkeiten des selbstgesteuerten Lernens schaffen. Als neue Bewertungsformen kommen Portfolioarbeiten und individuelle Lernfortschrittsgespräche hinzu (selbst wenn diese die Noten ersetzen sollen, denke ich nicht, dass das kurz- bis mittelfristig möglich wäre, selbst wenn die SPD in Bayern in Regierungsverantwortung käme).

Strukturell neigt die SPD zum Konzept „Eine Schule für alle“. Sie will die Gemeinschaftsschule zusätzlich zu den bisherigen Schularten etablieren und fördern; bis dahin soll das Übertrittszeugnis abgeschaft und durch Schullaufbahngespräche zwischen Eltern und Lehrkräften ersetzt werden. Mittelfristig soll die Klassenstärke auf 20 Kinder pro Klasse, bei Klassen mit Kindern, die besonderen Förderbedarf haben, auch weniger gesenkt werden. Multiprofessionelle Teams sollen die pädagogische Arbeit der Lehrkräfte unterstützen, die Betreuung der IT von den Lehrkräften und der Schulleitung in die Verwaltung verlagert werden.

Auch in diesem Programm wird (wenn auch nur durch die Blume) die Überführung des Lehramtsstudiums ins Bachelor-Master-System angesetzt. Ein Grundstudium, das sich nicht auf eine Schulart festlegt und ein Masterabschluss nach Stufen (Grundschule, Sekundarstufe 1, Sekundarstufe 2) soll dem Lehramt vorausgehen und es sollen mehr Praxisanteile eingebunden werden (vor allem wohl im Grundstudium). Die Besoldung soll, wie in anderen Programmen auch, für alle auf eine Stufe gehoben werden. Lehrer sollen sich regelmäßig fortbilden; hier würde ich gern, wie bei den anderen Parteien auch, gerne die Kriterien sehen.

Bildung soll von der Kita bis zum Master oder auch dem Meisterbrief nach dem Willen der SPD kostenfrei sein bei voller Lernmittelfreiheit, insbesondere für digitale Endgeräte. Auch die Lehrkräfte sollen mit Dienstgeräten ausgerüstet werden. Für die Digitalisierung soll es ein Förderprogramm für die kommunalen Träger geben. Auch hier fehlt mir zumindest der Ansatz eines Rahmens für dieses Förderprogramm.

Weiter zu Gesundheit und Pflege: Hier möchte die SPD die Profitorientierung überwinden; damit ist sie nicht allein, wichtig ist an dieser Stelle mehr das Wie. Die Vorhaben sind durchaus denen der Grünen ähnlich. Geburtshilfekliniken und -abteilungen sollen gesichert werden. Eine wertschätzende Bezahlung und menschliche Arbeitsbedingungen sollen erreicht werden, indem man in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften für flächendeckende Tarifbindung sorgt.

Die Krankenhausreform, die ja auf Bundesebene aus dem Hause der SPD kommt, soll konstruktiv begleitet werden. In dem Absatz finden sich viele Schlagwörter, ich sehe aber auch nach der Lektüre nichts Klares, insofern stehe ich gerade diesen Worten kritisch gegenüber, denn wenn etwas durchscheint, dann ist das eine Anlehnung an eben jene Reformpläne, die ich nicht befürworte.

Die Versorgung von Kindern ist einen eigenen Absatz wert, sie soll gesichert werden und Defizite im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie sollen behoben werden. Etwas später im Text kommt noch der Absatz zur Psychiatrie und Psychotherapie, der ebenfalls Kinder und Jugendliche im Fokus hat und den ich an dieser Stelle abarbeite. Die SPD scheint hier vor allem die stationäre Psychiatrie im Blick zu haben und hier vor allem die geschlossenen Abteilungen und die Zwangsmaßnahmen, die sie reduzieren möchte. Sozialpsychiatrische Krisendienste sollen gesetzlich verankert werden, die vorhandenen Krisendienste nach PsychKHG sollen personell und organisatorisch aufgestockt werden. Ein Landespsychiatriebeirat soll gegründet werden, sozusagen als Kontrollorgan, allerdings wird nicht erwähnt, wie der ausgestaltet werden soll. Die Möglichkeit, auf den großen Bedarf an psychotherapeutischen Angeboten einzugehen, um die Wartezeiten auf Therapie zu verkürzen oder gar zu verhindern, nimmt die SPD in diesem Programm nicht wahr. Ich finde das ausgesprochen bedauerlich, allerdings ist diese Partei damit auch nicht allein.

Der „Masterplan Medizinstudium 2020“ soll aufgegriffen und ausgebaut werden, vor allem, weil eben im ländlichen Raum Ärzte gebraucht werden. Dazu soll in die Ausbildung in Pflege- und anderen Gesundheitsberufen investiert werden.

Die Rahmenbedingungen für die Berufe im medizinischen Bereich will die SPD verbessern und so die Überlastung des Personals verhindern. Regeln bezüglich der Personalbemessung und -ausstattung, entlastende Arbeitszeitregeln, Kinderbetreuung, die auf den Bedarf der Berufsgruppen ausgerichtet ist und Anreize zum Wiedereinstieg in den Beruf und zur Aufstockung von Teilzeitarbeit sind Teil des Plans. Auch hier kommt es natürlich sehr darauf an, wie das alles ausgestaltet wird; wenn es mit den Regeln bei bloßen Empfehlungen bleibt, ändert sich nichts. Insgesamt soll die Pflege nicht dem freien Markt überlassen werden, Angebot und Nachfrage von Angeboten sollen beobachtet werden. Die SPD will auch den kostendruck mindern und die Eigenbeteiligung deckeln. Eine weitere Idee, die im Programm zu finden ist, ist eine solidarische Pflegevollversicherung auf Bundesebene. Für pflegende Angehörige plant die SPD Lohnersatzleistung, Beratung, Tagespflegeeinrichtungen und Nachtpflegestellen.

Gesundheit für alle soll durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst erreicht werden, der für Gesundheitsförderung und Prävention zuständig wäre. In Gesundheitskiosken soll Beratung in mehreren Sprachen stattfinden und es sollen gesundheitsfördernde Programme angeboten werden. Leider findet sich hier auch nicht mehr zur Ausgestaltung, das hätte mich jetzt wirklich interessiert. In Forschung und Lehre will die SPD die Gendermedizin stärken; damit ist nicht etwa das gemeint, worauf so viele Menschen allergisch reagieren. Nachdem inzwischen hinreichende wissenschaftliche Nachweise vorhanden sind, dass Frauen und Männer unterschiedlich erkranken, unterschiedlich auf Medikamente reagieren und insofern tatsächlich unterschiedliche Therapien brauchen, soll das nach dem Willen der SPD verstärkt Eingang in Forschung und Lehre bekommen.

Die notärztliche Versorgung auf dem Land soll verbessert werden, hauptsächlich durch Tele-Notärzte und eine Kompetenzerweiterung der Rettungsdienste.

Der Abschnitt endet mit einer erneuten Betonung des Vorhabens, das Profitmotiv im Gesundheitswesen zurückzudrängen. Kliniken und stationäre Pflegeeinrichtungen sollen rekommunalisiert werden, die Privatisierung eingeschränkt und eine zentrale Beschwerdestelle in Zusammenarbeit mit Krankenkassen und Personalvertretungen soll eingerichtet werden.

Fazit: Gerade im kostenintensiven Bereich bleibt das Programm der SPD ein wenig undurchsichtig; das ist grundsätzlich verständlich, denn man weiß ja nie, wie man budgetieren kann, aber so bleibt halt wirklich die Vision im Nebel der Unsicherheiten, was angesichts guter Ansätze wirklich schade ist. Es ist möglich, dass das Programm an anderen Stellen konkreter wird, deshalb auch hier der Hinweis darauf, dass das Programm als PDF heruntergeladen werden kann.

Moralinsaurer Neopuritanismus

Langsam, aber sicher reicht es mir mit unseren Medien und der sogenannten Verdachtsberichterstattung. Das ist die Berichterstattung, die Anschuldigungen, Anwürfe, moralische Verwerflichkeiten und dergleichen mit seitenweiser Hingabe in aller epischen Breite, deren die sogenannten Journalisten fähig sind, vornehmlich auf unsere Bildschirme pflastert. Gerne verbunden, mit der Forderung, dem Übeltäter die Lebensgrundlage zu entziehen und ihn weitestgehend gesellschaftlich zu ächten. Oh, hehres Heldentum des moralinsauren Neopuritanismus!

Okay, lassen Sie mich eine Geschichte erzählen von einem Typen, der nun wirklich gar kein Sympathieträger ist. Dem Mann war kein Witz zu schlüpfrig, keine Pointe zu dreckig. Er hat viel über Sex geredet und als Standup-Comedian auch viel darüber „gescherzt“. Russell Brand. Ich persönlich finde den Kerl wirklich widerlich, aber nun, es gab einen Markt und ich bin nicht verpflichtet, mir das anzutun, was der Mann so von sich gibt.

Und dann kamen neulich die Daily Mail, BBC und Channel 4 damit um die Ecke, dass er ein sexsüchtiger Vergewaltiger sei. Und ja, wer seinem Werk hier und da über den Weg gelaufen ist, der wird sagen: Das passt zu ihm. So weit, so unklar, denn: Was wir bis heute, 23.09.2023, wissen, ist, dass Frauen sich mit ihren Geschichten an die Presse gewandt haben und die Presse diese Geschichten auch aufgegriffen hat. Sicherlich haben die Journalisten das, was sie da berichten, überprüft. Diese Prüfung ist aber himmelweit von einer gerichtsfesten Beweislage entfernt und deswegen nennt man das, was die Herrschaften da berichten auch

VERDACHTSBERICHTERSTATTUNG.

Das heißt, es steht ein Verdacht im Raum und der muss erstmal bewiesen werden. Lächeln und atmen, meine Damen und Herren. Denken Sie gerne, dass das zu ihm passt, kein Problem. Wenn es nur das wäre, dann bräuchte ich den Schrieb hier nicht zu schreiben.

YouTube, wo Russell Brand einen Kanal hat, hat reagiert, indem sie ihm die Möglichkeit entzogen haben, mit seinem Content Geld zu verdienen. Auf eine VERDACHTSBERICHTERSTATTUNG hin. Verdacht. Bisher kein gerichtsfester Beweis vorhanden.

Es gibt wohl, wenn ich das richtig überblicke, polizeiliche Ermittlungen. Das finde ich persönlich gut, denn dann können wir sehen, was da jetzt so alles genau dran ist. Wenn es ein Gerichtsverfahren gibt, wird es spätestens im Anschluß auch Akten geben, denen zu entnehmen ist, inwieweit der Verdacht sich bestätigt hat. Und wenn der Verdacht sich bestätigt, dann wird der Mann verknackt, das können Sie mir glauben, denn dann sind das üble Straftaten. Aber so weit sind wir noch lange nicht.

Das interessiert YouTube jetzt nicht, dort hat man Angst, dass der schlechte Ruf des Verdächtigen auf die Plattform zurückfällt und also bleiben die Videos zwar öffentlich (was dafür spricht, dass sie nicht gegen die YoutTube-Regeln verstoßen), aber sie bringen kein Geld mehr (und werden folglich auch nicht mehr so oft angezeigt, was sie auf längere Sicht in Vergessenheit geraten lässt). Nachdem Russell Brand inzwischen wohl hauptsächlich von seinen Aktivitäten in sozialen Medien lebt (YouTube, TikTok, Rumble, Instagram, dergleichen), ist das in der Tat mit einer Bedrohung seiner Lebensgrundlage verbunden. Auf einen Verdacht hin!

In Deutschland scheint da nicht so sehr viel anzukommen – um auf Twitter etwas darüber zu finden, musste ich gezielt nach ihm suchen, die Hashtags sind nicht im Trend. Unsere „Qualitätsmedien“ berichten selbstverständlich, allerdings muss man da auch auf die Suche nach dem Namen gehen, meine Lieblings-Klatschsendung im Fernsehen sagt nichts dazu. Aber Russell Brand ist in Deutschland wohl auch weniger bekannt, da ist er nicht so unglaublich interessant.

Was mich aber anficht: Kein Medium, das ich bisher gesehen habe, unterscheidet zwischen Recht, Gesetz und Moral – und das nicht erst seit diesem Fall. Es gibt sogar in den Tiefen des Internet ein Buch, das eine Anleitung zur sozialen Zerstörung von Männern enthält. Inhalt in Kürze: Formuliere erst den Verdacht, sorge für Berichterstattung in den Medien und hol dann die Behörden ins Boot. Und gerade wenn dieser Verdacht mit Sex und unmoralischem bis kriminellem Verhalten bezüglich Sex zu tun hat, funktioniert das ganz fabelhaft. Greg Ellis, ebenfalls ein britischer Schauspieler, hat seine Erlebnisse mit diesem Vorgehen in einem Buch zusammengefasst und veröffentlicht (The Respondent) und der Prozess, den Johnny Depp gegen seine geschiedene Frau geführt hat, ist vielen auch noch in Erinnerung. Letzterer Fall ist ein Lehrbeispiel für das oben angeführte Vorgehen.

Die Menschen, die beschuldigt werden, ohne sich schuldig gemacht zu haben (oder in einem wesentlich geringeren Ausmaß als berichtet), werden für den Rest ihres Lebens mit den Vorwürfen zu kämpfen haben – auch das sehen wir gerade am Beispiel Johnny Depp, der nun mit „Jeanne du Barry“ einen neuen Film in die Kinos gebracht hatte, in Frankreich auf französisch gedreht und in Cannes vorgestellt. Kein Bericht über den Film, der nicht mindestens in Kürze den Zivilprozess gegen die geschiedene Gattin erwähnt hätte, wenige, die darauf verzichtet haben, noch einmal moralische Zweifel zu äußern.

Die sozialen Medien feiern große Erfolge, das Befinden der Betroffenen wird dem Anzeigenverkauf untergeordnet. Letztlich handelt es sich in den meisten Fällen um das, was so schön „Clickbait“ (Klickköder) genannt wird. Sex sells und moralische Überlegenheit erst recht. Ja, es tut gut, sich wertvoller zu fühlen als ein überbezahlter Schauspieler, ein bekannter Moderator oder einfach ein Mann, der auf andere Weise zu Ruhm, Ehre und Bekanntheit gekommen ist. Und wenn man das fühlen kann, ohne dass es eine Anzeige, eine formelle Anklage oder gar ein strafrechtliches Urteil gibt, dann macht man das eben, auch (und gerade), wenn man selbst hier und da mal Dinge getan hat, die moralisch nicht so ganz einwandfrei sind. Hauptsache, man ist besser als dieser reiche, berühmte Mensch, Hauptsache, man kann fordern, dass der soziale Kopf rollt und der Unmensch nie wieder mit seinem öffentlichen Auftreten Geld verdient!

Damit nicht genug. Das britischen Parlament hat ein Komitee für Kultur, Medien und Sport und da gibt’s auch eine Vorsitzende, Dame Caroline Dinenage (der Titel ist übrigens in etwa das Äquivalent zur deutschen Freifrau, wenn ich mein Wörterbuch richtig deute). Und diese Dame (Wortspiel beabsichtigt) hat nun Briefe geschrieben, und zwar unter anderem an BBC, Channel 4, Sun und TikTok.

Die Briefe sind auf der offiziellen Website des Parlaments in einer Meldung vom 19. September zu finden. Es gab dann offensichtlich auch noch Briefe vom 20. September, die ihren Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben, zum Beispiel an Rumble, die in den sozialen Medien zu finden sind, nicht aber auf der Website des Parlaments.

Inhalt, kurz gesagt: Die Ausschussvorsitzende hofft sehr, dass der jeweils Angeschriebene dafür sorgt, dass Russell Brand keinerlei Einnahmen mehr aus seinen Internetaktivitäten erzielen kann und man sich freundlicherweise an der Ächtung des Herrn in sozialen Netzwerken beteiligen möge.

Das eröffnet einen neuen Aspekt, vor allem bezüglich des Einspannens von Institutionen für eigene Zwecke. Wenn man einen parlamentarischen Ausschuss vor den Verdachtskarren spannen kann, hat das wirklich eine ganz neue Qualität und das ist keine gute. Wenn Behörden Einfluß auf Unternehmen auszuüben versuchen, um einzelne Menschen in ihrer (Berufs-)Tätigkeit einzuschränken und ihnen vielleicht sogar die Lebensgrundlage zu entziehen, dann sind wir an einem Punkt, der mir persönlich viel zu nah am Totalitarismus ist. Das darf meiner Ansicht nach nicht passieren, noch nicht einmal, wenn es eine strafrechtliche Verurteilung gibt. Das darf einfach nicht passieren, egal, wie man zu den Anwürfen, dem Verdacht oder der nachgewiesenen Tat steht.

Mein persönliches Vorgehen, wenn ich solche Berichterstattung (oder Beiträge in sozialen Medien) sehe:

1.) Gibt es polizeiliche/staatsanwaltliche Ermittlungen?
2.) Wird die Person, die den Vorwurf erhebt, namentlich genannt? Wird ein Bild veröffentlicht?
3.) Wenn die Antwort auf den zweiten Punkt „ja“ lautet: Wurde Strafanzeige erstattet?
4.) Wenn nein: Womit wurde der Verzicht auf eine Strafanzeige begründet?
5.) Wurden schwere Verletzungen angegeben? (Knochenbrüche, offene Wunden, Prellungen, die sichtbar gewesen sein müssten)
6.) Wenn ja: Gibt es medizinische Dokumentation?

Das klingt alles recht kalt, sicher. Wenn man sich aber auf diese Art durch die entsprechenden Artikel hangelt, erfasst man recht schnell, ob die Grundlage der Berichterstattung solide oder doch eher brüchig ist.

Beispiel: Ein Faustschlag ins Gesicht mit einer Hand, an deren Fingern große Ringe stecken, hinterläßt Spuren, die man nicht ohne ärztliche Hilfe einfach so abheilen lassen kann. Die davon verursachten Schwellungen kann man nicht durch Kühlen beseitigen und überschminken kann man solche Verletzungen nur eingeschränkt. Und wenn man Schauspielerin von Beruf ist und einen Nasenbeinbruch erleidet, dann wird man sich schnellstmöglich beim nächstgelegenen Facharzt melden. Dann gibt es medizinische Unterlagen, die die Verletzungen dokumentieren, egal, welche Story man dem Arzt erzählt hat. Wenn man so etwas aber einem Journalisten erzählt, der das für bare Münze nimmt und prompt berichtet, ohne nach den Behandlungsunterlagen zu fragen, dann stimmt da halt etwas nicht und als Leser sollte man durchaus misstrauisch werden und mit der Verurteilung des Verdächtigen sehr zurückhaltend sein. Das ist jedenfalls meine Meinung.

Und deswegen schreibe ich diesen Artikel: Damit Sie, lieber Leser, liebe Leserin, gerade Verdachtsberichterstattung hinterfragen, vor allen Dingen dann, wenn es darum geht, einen Menschen sozial zu ächten und seine berufliche Existenz zu vernichten. Oft genug finden sich in sozialen Medien nämlich eben solche Anschuldigungen gegenüber „ganz normalen“ Menschen, verbunden mit der Aufforderung zur Ächtung. Da liest man dann auch von Leuten, die mit der Angelegenheit nichts zu tun haben, dass sie den Arbeitgeber des Verdächtigten kontaktiert hätten mit der Frage, ob so ein moralisch fragwürdiger Mensch wirklich dort beschäftigt werden müsse.

Es ist einfach, einen Mob zu entfesseln und es ist bedauerlicherweise auch einfach, in den Sog eines solchen Mobs hineingezogen zu werden. Achten Sie bitte darauf, dass Ihnen das nicht passiert. Hinterfragen Sie solche Meldungen und halten Sie sich zurück, bis der Nebel der Anschuldigungen sich lichtet und ein klarer Blick auf die Tatsachen möglich ist.

Was mich an solchen Berichten am allermeisten wütend macht, ist der Schaden, den sie für die Opfer tatsächlicher Gewalttaten anrichten. Es ist nicht möglich, einem Opfer einer Gewalttat einfach so zu glauben, da ist immer eine Prüfung vonnöten. Und je intensiver in der Berichterstattung die Wahrheit verbogen wird, je mehr gelogen oder übertrieben wird, desto schlimmer wird es für die Menschen, die tatsächlich Gewalt erlebt haben und den Nachweis darüber führen müssen. Desto angstbesetzter wird der Gang zur Polizei, zur Staatsanwaltschaft. Desto größer die Furcht, man könne ihnen nicht glauben. Und das ist das ganz besonders Perfide.

Achten Sie auf das, was Sie unwidersprochen glauben. Suchen Sie nach Quellen und suchen Sie nach Lücken in der Berichterstattung. Und springen Sie nicht auf den Karren auf, der durch soziale Medien rollt, auf dem die Menschen sitzen, mit Steinen werfen und „hängt ihn höher“ brüllen. Auch wenn der Verdächtigte ein wirklich, wirklich unsympathischer, schmieriger, widerwärtiger Typ ist. Das heißt noch lange nicht, dass alles stimmt, was man über ihn sagt. Warten Sie ab, es eilt nicht.

Weiterführende Links zum YouTube-Kanal „BlackBeltBarrister“:
Russel Brand: This is the ONLY truth of the matter thus far
Russell Brand: UK Government Committee Steps in
Committee Writes to X Corp about Russell Brand

Psychosomatische Reha

Seit 2001 bin ich immer wieder mal in psychotherapeutischer Behandlung. Die Diagnose variiert von Burnout bis Depression in unterschiedlichen Schweregraden. Deswegen war ich 2011, 2017 und jetzt wieder im Juni/Juli in psychosomatischer Reha. Während dieser Aufenthalte habe ich einiges an Erfahrungen gesammelt und ich denke, die kann ich auch weitergeben für den Fall, dass einer meiner geneigten Leser auch einmal eine solche Maßnahme in Anspruch nehmen möchte und ein Erfahrungsbericht dabei hilfreich ist.

Der Antrag

Der Antrag ist eine Herausforderung in sich selbst; es gilt, einige Seiten auszufüllen und dort nicht nur den Namen und die Adresse anzugeben, sondern auch Informationen über private und berufliche Situation, Hintergrund der psychischen Erkrankung zu geben und nicht zuletzt auch über körperliche Erkrankungen zu informieren. Ich persönlich bin in vielerlei Hinsicht ein organisierter Mensch, aber bei diesen Anträgen bekomme ich auf der Stelle einen Anfall. Es gibt Hilfe, man muss nur wissen, wo. Online findet man unter den Schlagworten „Unterstützung bei Antrag auf psychosomatische Reha“ einiges an Quellen, sowohl in schriftlicher Form als auch tatsächlich Menschen, die dabei helfen können. Zu nennen sind hier VdK, die Rentenversicherung, die üblicherweise auch die Kosten trägt und die Hilfeangebote vor Ort, die man am Besten beim Psychtherapeuten, beim Psychiater oder bei der Stadt-/bzw. Gemeindeverwaltung erfragt. Auch die Krankenkassen können helfen oder zumindest Angebote für Hilfestellung nennen.

[Ergänzung] Nachdem Kommentare nicht nur (ja, noch nicht einmal vorwiegend) hier unter dem Beitrag kommen, habe ich noch etwas zu ergänzen, was auf anderem Wege kam. Es gibt auch die sozialpsychiatrischen Dienste, die üblicherweise dem Gesundheitsamt angegliedert sind. Dort gibt es ebenfalls Unterstützung, auch beim Ausfüllen der Anträge. Ich verlinke an dieser Stelle noch einen Artikel aus dem Psychiatrienetz, das für Menschen mit psychischen Problemen eine Fundgrube ist, die man sich merken sollte.

In Erlangen haben wir in der Kopfklinik eine wirklich gute Abteilung für Psychiatrie, die nicht nur stationäre und ambulante Versorgung, sondern auch Sozialberatung anbietet; das sind dann die Leute, die mich vor der Verzweiflung angesichts des Antragsformulars bewahrt haben.

Es empfiehlt sich, dem Antrag absolut alles, was man an Arztberichten und diagnostischer Dokumentation hat, beizulegen. Je mehr Information man bereitstellt, desto größer die Chance, dass der Antrag bewilligt wird. Mir wurde bei jedem Antrag, den ich gestellt habe, gesagt, dass ich damit rechnen müsse, dass der Antrag erst einmal abgelehnt würde – mir ist das bisher nicht passiert. Wenn es aber doch passiert, hat man immer die Möglichkeit des Widerspruchs. Gerade in diesen Fällen empfehle ich, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Menschen, die eine psychische Erkrankung haben, fällt das nicht unbedingt leicht. Tun Sie es trotzdem, denn einer der Vorteile daran, dass Sie inzwischen zu der Einsicht gelangt sind, dass Sie krank sind, ist, dass Ihnen sehr viel Unterstützung angeboten wird. Diese Unterstützung ist exklusiv für Menschen wie Sie. Nehmen Sie, was Sie bekommen können, Sie haben sich das „verdient“, indem Sie jahrelang die Zähne zusammengebissen und sich „am Riemen gerissen“ haben!

Sie haben die Möglichkeit, eine Wunschklinik anzugeben. Ich selbst habe dieses Mal zwei Kliniken angegeben, einerseits die CELENUS Klinik Carolabad in Chemnitz, andererseits die VAMED Rehaklinik Damp. Dahinter standen folgende Überlegungen:

Im Carolabad war ich 2011 schon einmal. Das ist eine sehr solide Klinik mit wirklich ausgezeichnetem Personal von den Renigungskräften übers Küchenpersonal bis hin zur Chefärztin. Die Klinik ist psychotherapeutisch sehr gut aufgestellt, es gibt ein umfangreiches therapeutisches Angebot und, was ich für besonders wichtig halte: Alles kann, nichts muss. Man kann wirklich auch einmal ablehnen, wenn einem etwas nicht liegt (aber begründen muss man es schon ;)).

Nach Damp wäre ich gern gefahren, weil die Klinik neben dem psychosomatischen Angebot noch eine orthopädische Abteilung hat, was vielleicht für meine Wirbelsäule gar nicht so schlecht gewesen wäre und weil ich einen störungsfreien Blick auf möglichst wenig zu sehen (im Sinne von Strand-Meer-nichts mehr) sehr zu schätzen gewußt hätte.

Hurra, die Reha ist genehmigt!

Wenn der Antrag bei der Rentenversicherung bearbeitet ist, bekommt man zunächst von dort einen A-4-Umschlag mit haufenweise Informationen und auch Antragsformularen per Post zugesandt. Da sind sie wieder, meine Freunde, die Anträge! Auch hier gilt: Wenn es schwierig ist, holen Sie sich Unterstützung!

Wenn Sie einen Arbeitsplatz haben und nicht krankgeschrieben sind, bekommen Sie für sechs Wochen Lohnfortzahlung, dann sind sie aus der großen Antragsnummer raus. Vergessen Sie nicht, Ihrem Arbeitgeber Bescheid zu sagen. Wenn Sie schon länger als sechs Wochen krank geschrieben sind, müssen Sie Übergangsgeld beantragen. Dazu gibt es (wen wunderts?) ein Formular, das mit der Genehmigung der Reha kommt. Das heißt, eigentlich sind es mehrere Formulare: Der eigentliche Antrag, ein Formular für die Krankenkasse und eins für den eventuell vorhandenen Arbeitgeber. Letztere verteilen Sie einfach an die entsprechenden Leute. Den Antrag auf Übergangsgeld habe ich meiner Krankenkasse in die Hand gedrückt, die ihn freundlicherweise mit dem Formular, das von dort ausgefüllt werden musste, an die Rentenversicherung weitergeleitet hat.

Einen Termin für die Reha haben Sie an diesem Punkt noch nicht. Den bekommen Sie, ebenfalls in einem A-4-Umschlag von der Klinik selbst, zusammen mit, Sie ahnen es vermutlich schon, einem ganzen Schwung Formularen zum Ausfüllen. Das ist verständlich, denn die Klinik will ja vor Ihrem Eintreffen planen, was sie mit Ihnen so anstellen könnte. Auch hier sollten Sie alles an Befunden beifügen, was Sie haben, denn die Rentenversicherung schickt das nicht an die Klinik weiter und die Ärzte dort brauchen Befunde, um Ihnen eine optimale Behandlung zuteil werden zu lassen und – dazu später Ausführlicheres – ein Gutachten zu formulieren. Lassen Sie sich von dem Wort nicht erschrecken, es ist alles maximal ein Viertel so wild wie es sich im Moment liest.

Füllen Sie diese Fragebögen sorgfältig aus; ich habe den Patientenfragebogen tatsächlich in ein Dokument in meiner Textverabeitung geschrieben, denn es gab zu wenig Platz für die Krankengeschichte (und so einiges andere an Antworten). Scheuen Sie sich nicht, ausführlich zu antworten, denn Stichworte helfen Ärzten und Therapeuten, die Sie nicht kennen, nur eingeschränkt weiter. Diese Formulare wirken sich also direkt auf die Qualität Ihrer Reha aus, insofern ist es sinnvoll, hier alles zu erzählen, was in Ihre Krankengeschichte gehört, auch und gerade die körperlichen Beschwerden, denn so eine psychosomatische Reha ist mit viel Bewegung verbunden!

Was ist eigentlich Psychosomatik?

Das ist, kurz gesagt, der Zusammenhang zwischen seelischem (von griechisch Psyche, Seele) und körperlichem (von griechisch Soma, Körper bzw. Leib) Krankheitsbild. Sie kennen vielleicht die Probleme, die einem Kopf- oder Bauchschmerzen machen, die Laus, die einem über die Leber gelaufen ist und dergleichen. Genau da sind wir im psychosomatischen Bereich. Der Körper reagiert auf seelischen Stress (was englisch ist und so viel wie Druck oder Anspannung bedeutet). Wichtig ist eigentlich nicht, wer zuerst da war – das psychische oder das körperliche Problem -, sondern wie diese Probleme zusammenhängen und -wirken und wie man der Lage Herr werden kann.

Die Medizin betrachtet inzwischen Körper und Seele als untrennbar miteinander verbundene Aspekte des Menschen, die nur aus methodischen Gründen oder zum besseren Verständnis unterschieden werden (Definition von Axel Schweickhardt, 2005). Am einfachsten lässt sich das Konzept für mich am Kampf-oder-Flucht-Prinzip erklären: Wir haben evolutionsgeschichtlich noch in unser Hirn programmiert, dass wir Situationen möglichst schnell einzuschätzen versuchen und dann die überlebenswichtige Entscheidung treffen, ob wir kämpfen oder weglaufen. Dazu schüttet unser Körper diverse Botenstoffe aus, die dafür sorgen, dass wir für beides bereit sind: Da werden Magen, Darm und Blase entleert und ein kräftiger Energieschub in Arme und Beine geschickt. Heutzutage ist überwiegend weder Davonlaufen noch körperlicher Kampf notwendig oder gar sozial akzeptiert. Und so bekommen wir Bauchschmerzen, uns wird übel, wir bekommen Krämpfe in Armen und Beinen, Herzklopfen, beißen die Zähne zusammen, was zu Kopfschmerzen führt und so weiter und so fort.

Einem so komplexen System wie dem menschlichen Hirn kann man das nicht wirklich abgewöhnen und manchmal ist diese Funktion ja auch ganz hilfreich. Wenn aber die Kampf/Flucht-Reaktion überhand nimmt und wir uns anschließend auch nicht mehr entspannen, kann das sehr ungute Folgen haben – und die drücken sich am Körper aus, obwohl von der Seele „verursacht“. Ich hoffe, das ist jetzt halbwegs klar – wenn Sie in eine gute Rehaklinik kommen, werden Sie sowieso einen entsprechenden Vortrag zu hören bekommen, der deutlich umfangreicher ist, als alles, was ich Ihnen hier so bieten kann; dazu müsste ich ein Buch schreiben und davon gibt es bereits genug.

Und psychosomatische Reha?

Die psychosomatische Rehabilitationsmaßnahme wird idealerweise auf Ihre körperlichen Erkrankungen, Ihre seelischen Probleme und auf den Zusammenhang eingehen. Das ist anstrengend, denn sehr viele Patienten mit Depressionen haben schon seit Jahren keinerlei Sport mehr getrieben. Zunächst wird man also tatsächlich darauf achten, Sie wieder in Bewegung zu bekommen. Das ist sehr sinnvoll, denn unser Gehirn braucht tatsächlich die körperliche Anstrengung, um ein paar chemische Vorgänge anzustoßen. Bereiten Sie sich also darauf vor, dass im Rahmen dieser Reha Körper und Seele gleichermaßen bearbeitet werden.

Die meisten Patienten, die so eine Reha mitmachen (mich eingeschlossen) sind am Anfang dieser Maßnahme also zunächst mal eines: Völlig fertig. Ich war in der ersten Woche hauptsächlich müde. Um während der Vorträge nicht einzuschlafen, habe ich mir dann einfach eine Flasche Wasser mitgenommen und immer zwischendurch einen Schluck getrunken. Das ist in zweierlei Hinsicht eine gute Idee: Einerseits bewegt man sich immer zwischendurch ein wenig, andererseits ist Wasser ein elektrischer Leiter, den das Gehirn in dieser Situation gut brauchen kann.

Was kann eine psychosomatische Reha leisten?

Erwarten Sie keine Wunder von einer Rehabilitationsmaßnahme. Es ist unmöglich in einem Zeitraum von drei bis sechs Wochen einen Patienten von Depressionen, körperlichen Gebrechen und dergleichen zu heilen. Was die Reha kann: Impulse geben. Sie werden im Rahmen der Reha verschiedene Methoden und Ansätze kennen lernen. Das geht von körperlichen Übungsprogrammen zur Verbesserung von Rückenproblemen und Verspannungen über psychotherapeutische Ansätze bis hin zur Sozialberatung.

Im Fall der Klinik Carolabad war das das Hausprogramm „Rückenfit“, zweimal wöchentlich Sport, zweimal wöchentlich Wassergymnastik, Entspannungsübungen wie Tai Chi, Yoga und Atementspannung, Krankengymnastik, Fango und Kopfschmerztherapie (Nackenmassage) und diverse Zusatzangebote außerhalb des Curriculums wie Faszientraining oder auch Streching für die körperliche Fitness. Beachten Sie bitte, dass die Menschen, die die Übungen vorturnen, Profis sind. Die machen das beruflich. Sie nicht. Das bedeutet, dass Ihre Nachempfindung der jeweiligen Übungen völlig anders, von Ihrem Standpunkt aus gesehen nachgerade lächerlich aussehen kann. Lassen Sie sich nicht davon entmutigen und machen Sie um Himmels willen nur das, was Sie können. Es hilft Ihnen nichts, wenn Sie eine Übung perfekt nachvollziehen, aber dann drei Tage vor Rückenschmerzen nicht laufen können! Achtzig Prozent reichen völlig, auch weniger. Machen Sie so weit, wie es Ihnen nicht weh tut. Das ist für Depressive sehr schwer zu schlucken, denn wir sind Perfektionisten und wir brauchen auch Lob. Es gibt nichts Großartigeres, als wenn der Sporttherapeut Ihnen sagt, wie toll Sie das machen und nichts Übleres, als wenn Sie dann beim nächsten Sport ausfallen, weil der Rücken (oder die Schultern oder die Knie etc.) einfach weh tut. Achten Sie darauf, das herauszupicken, was Sie zuhause weiter betreiben können.

Die psychotherapeutische Behandlung gliedert sich in wöchentliche Einzelgespräche mit Ihrem Bezugstherapeuten und Gruppenarbeit. Letztere kann nur einen Ansatz bieten, Ihnen helfen, Methoden zu finden, mit denen Sie nach der Rückkehr aus der Reha weitermachen können. Ob Sie nun in einer Angst-, Stress- oder Depressionsgruppe landen, neue Herangehensweisen lernen wie ACT, CBASP oder eine andere verhaltenstherapeutische Methode: Die Reha kann Ihnen nicht mehr zeigen als das Konzept. Die konsequente Anwendung muss in den Alltag überführt werden, dazu brauchen Sie Ihren Psychotherapeuten zuhause. Eine entsprechende Anbindung und eventuelle Nachsorge ist also unabdingbar. Dazu später mehr.

Sozialtherapeutisch gibt es vor allem Beratung; die Rentenversicherung eröffnet mit ihren Angeboten einige verschiedene Wege, auf denen Patienten zurück ins Arbeitsleben kommen können, ohne sich zu überfordern. Darüber sprechen Sie dann mit den Sozialtherapeuten. Mir wurde ein Antrag auf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben empfohlen, denn in dem Beruf, den ich ausgeübt habe, bevor ich diesmal aufgrund meiner Erkrankung ausfiel, kann ich nicht mehr arbeiten. Insofern muss ich mir neue Wege suchen und dazu dienen die LTA. Träger dieser Leistungen ist in Ihrem Fall die Rentenversicherung. Abgesehen davon gibt es beispielsweise auch noch den Rehabilitationsberatungsdienst der Rentenversicherung, der Ihnen mit Informationen und dergleichen weiterhelfen kann.

Es gibt dann natürlich auch noch Menschen, die eine Reha in Anspruch nehmen, weil sie eine Rente beantragen möchten. Auch dazu gibt es bei den Sozialtherapeuten Beratung und Empfehlungen.

Gutachten

Es dürfte nicht überraschen, dass eine der Aufgaben der Rehabilitationsklinik darin besteht, ein Gutachten für die Rentenversicherung zu erstellen – letztlich trägt die ja auch die Kosten für die Maßnahme. Begutachtet wird sowohl die Arbeits- also auch die Leistungsfähigkeit – und das ist sozialrechtlich ein gewaltiger Unterschied. Sie können ohne weiteres arbeitsunfähig, aber leistungsfähig sein. In meinem Fall bin ich arbeitsunfähig, weil ich die berufliche Tätigkeit, die ich innehatte, bevor ich krank wurde, nicht mehr ausüben kann – sie hat mich nämlich krank gemacht. Leistungsfähig bin ich sehr wohl, denn ich kann auch noch ein paar andere spannende Sachen (beispielsweise längliche Artikel über die psychosomatische Reha schreiben), die ich beruflich nutzen kann. Und also wird in meinem Entlassungsbericht (also dem Gutachten) genau das stehen, zusammen mit Empfehlungen, wie die Rentenversicherung mich dabei unterstützen kann, meinen Lebensunterhalt mit meiner Hände Arbeit zu bestreiten.

Insgesamt ist das also nicht schlimm, trotzdem fürchten viele Patienten dieses Gutachten sehr. Sie besprechen am Ende der Reha mit den Ärzten und Therapeuten das, was letztlich in dem Gutachten steht. In diesen Abschlussgesprächen zeigen diese Menschen Ihnen auf, was sie empfehlen können und wo ihre Grenzen sind. Wichtig ist, dass Sie dem Team wirklich alles an Befunden zur Verfügung stellen, was Ihnen vorliegt, denn das Team in der Klinik bekommt von Ihnen in den wenigen Wochen der Reha nur einen Schnappschuss zu sehen. Wichtig ist auch, dass Sie ehrlich mit sich und Ihren Möglichkeiten umgehen, also weder übertreiben noch herunterspielen. Verschaffen Sie sich einen realistischen Blick auf sich selbst, auch dazu ist die Reha da.

Zu guter Letzt: Wo bleibt der Spaß?

Niemand ist eine Insel, schon gar nicht während einer psychosomatischen Reha. Sie werden sicher ein Einzelzimmer haben, so dass es einen Rückzugsort für Sie gibt, aber sie werden auch viel Kontakt zu ihren Mitpatienten haben. In der Umgebung solcher Kliniken gibt es normalerweise Freizeitangebote, Ausflugslokale, Parks, dergleichen und es gibt auch von den Kliniken organisierte Freizeitmöglichkeiten von freier Ergotherapie (basteln, malen, Körbe flechten, dergleichen) bis hin zu Ausflugsfahrten. Nach ein paar Tagen werden Sie schon den einen oder anderen Mitpatienten kennengelernt haben, mit dem Sie sich gut unterhalten können und das sind dann oft genug auch Ihre Begleiter durch die Freizeit in der Reha, mit denen Sie Spaziergänge unternehmen, zusammensitzen und erzählen, einen Spieleabend machen oder auch sportlicher Betätigung nachgehen. Die Wochenenden sind ja üblicherweise frei und man füllt sie gern mit Aktivitäten, die dem eigenen Interesse entgegenkommen. Und ja: Das macht Spaß. Ich erinnere mich beispielsweise sehr gern an den Abend, an dem wir im Rauchereck saßen und gesungen haben. Solche Abende gibt es öfter als man annehmen möchte.

Und nach der Reha?

Nach der Reha kommen Sie wieder nach Hause – und um zu vermeiden, dass Sie sofort wieder in den Alltagstrott verfallen, gibt es die Möglichkeit, eine psychosomatische Nachsorge in Anspruch zu nehmen. Die wird vom Betreuerteam verordnet, fragen Sie danach, wenn Sie es nicht angeboten bekommen. Es gibt einiges an Möglichkeiten, machen Sie sich also ruhig schon vor der Reha schlau, wie es danach weitergehen könnte. Sie sollten idealerweise auch einen Psychotherapeuten haben, mit dem Sie im Anschluß an die Reha das Gelernte einordnen und weiterbearbeiten können. Achten Sie also darauf, dass sie im Anschluß an die Reha nicht in der Luft hängen!

Fazit

Eine psychosomatische Reha kann sehr sinnvoll sein, wenn Sie sich gut informieren, gut vorbereiten und tatsächlich auch mitmachen. Sie kann Ihnen Anstöße geben für die weitere Therapie zuhause. Wunder kann sie nicht wirken und das sollten Sie auch nicht erwarten.

Verleumdung, Prozess, Berufung, Vergleich

Ein Hammer, wie er von amerikanischen Richtern verwendet wird. Weil es schicker ist, vergoldet.

Hoffentlich ist das jetzt Depp gegen Heard zum Letzen. Aber ich fasse das noch einmal zusammen, einerseits um einige Gedanken, die mir am Rande gekommen sind zu ordnen, andererseits, weil ich weiß, was jetzt wieder kommt. Der Anlaß: Amber Heard und Johnny Depp haben einen Vergleich geschlossen. Was heißt das jetzt im Einzelnen?

Vom 11. April bis zum 1. Juni 2022 lief in Virginia der Verleumdungsprozess von Johnny Depp gegen seine Ex-Ehefrau Amber Heard. Sie hatte in der Washington Post, die in Virginia ihre Büros und ihre Webserver hat, eine Kolumne geschrieben, Johnny Depp war der Ansicht, dass diese Kolumne verleumderisch war. Im Einzelnen ging es um folgende Aussagen in dem Artikel:

Amber Heard: I spoke up against sexual violence – and faced our culture’s wrath. That has to change.
(Amber Heard: Ich habe mich gegen sexuelle Gewalt eingesetzt – und war mit dem Zorn unserer Kultur konfrontiert. Das muss sich ändern.)

Then two years ago, I became a public figure representing domestic abuse, and I felt the full force of our culture’s wrath for women who speak out.
(Dann vor zwei Jahren wurde ich eine Person der Öffentlichkeit, die häusliche Gewalt repräsentierte und bekam die volle Macht des Zorns unserer Kultur gegenüber Frauen, die sich äußern zu spüren.)

I had the rare vantage point of seeing, in real time, how institutions protect men accused of abuse.
(Ich hatte den seltenen Blickwinkel in Echtzeit sehen zu können, wie Institutionen Männer schützen, die des Mißbrauchs beschuldigt werden.)

Amber Heard ist – zumindest in den USA – durchaus für ihren Einsatz gegen Gewalt gegenüber Frauen bekannt. Insofern wird der unbedarfte Leser sich bei diesen Aussagen wenig denken. Es ist aber deutlich komplizierter.

Die Klage wirft Amber Heard vor, mit den oben zitierten Aussagen, Johnny Depp verleumdet zu haben. In den Vereinigten Staaten ist so eine Verleumdungsklage gegen eine Person des öffentlichen Interesses mit einer etwas höheren Hürde versehen als eine Klage, die Herr Schmidt gegen Herrn Müller führt. Die Klagepartei muss nachweisen, dass die beklagte Partei mindestens ignoriert hat, dass die von ihr getätigte Aussage unwahr ist. Das nennt sich dann „actual malice“, hat aber tatsächlich mit Boshaftigkeit wenig zu tun, leichtfertige Missachtung der Wahrheit (reckless disregard) oder simples nachweisliches Lügen ist damit gemeint.

Das könnte man jetzt relativ schnell abfrühstücken, wenn da nicht zunächst nachgewiesen werden müsste, wer denn in dieser Ehe gewalttätig war. Dazu gab es haufenweise Zeugen, teils ging es doch etwas bizarr im Gerichtssaal zu. Die Aufzeichnung des gesamten Prozesses kann auf YouTube auf diversen Kanälen mit und ohne Kommentar bestaunt werden.

Amber Heard argumentierte, dass sie ja Johnny Depp gar nicht gemeint habe. Es habe sich um allgemeine Gedanken zum Thema gehandelt. Dagegen steht ihre eigene Aussage während des Prozesses im Rahmen ihrer Gegenklage (ja, darauf gehe ich dann auch noch ein, bitte warten!):

I know how many people will come out and say whatever for him. That’s his power. That’s why I wrote this op-ed. I was speaking to that phenomenon. How many people will come out in support of him and will fall to his power. He is a very powerful man […]

(Ich weiß, wie viele Leute auftauchen und was auch immer für ihn sagen. Das ist seine Macht. Deswegen habe ich diese Kolumne geschrieben. Ich habe über dieses Phänomen gesprochen. Wie viele Leute auftauchen, um ihn zu unterstützen und seiner Macht verfallen. Er ist ein sehr mächtiger Mann […])
Siehe: YouTube, Law&Crime Network, „Camille Vasquez Cross-Examines Amber Heard in Her Rebuttal Case“

Das könnte man theoretisch als eine Art betrachten, einen speziellen Fall zu verallgemeinern. Andererseits war dieses Statement kurz vor Ende des Kreuzverhörs nicht wirklich notwendig und im Zusammenhang mit dem gesamten Kreuzverhör wird es doch einigermaßen kritisch.

Sie hat diesen Prozess mit fliegenden Fahnen verloren. Die Jury hat Johnny Depp in allen Punkten recht gegeben und ihm zehn Millionen US$ Schadenersatz und dann noch einmal fünf Millionen an Strafzahlung zugesprochen (letzere wurden dann gedeckelt auf 350.000 US$, weil das Recht in Virginia das so vorsieht).

Die Gegenklage von Amber Heard gegen Johnny Depp bestand in drei Äußerungen seines Anwalts Adam Waldman, die der im Rahmen des Verleumdungsprozesses gegen die Boulevardzeitschrift „Sun“ und den Verleger News Group Newspapers Ltd. in Großbritannien getätigt  hatte. Ich gehe hier nicht im Einzelnen auf die Äußerungen von Adam Waldman ein; Amber Heard wurden zwei Millionen US$ Schadenersatz zugesprochen, weil Waldman gesagt hatte, sie und ihre Freunde hätten in einem Fall die Polizei an der Nase herumgeführt (das ist jetzt etwas frei formuliert, aber insgesamt war das der Inhalt; das kann man nachlesen bzw. auf YouTube ansehen).

Das ist dann mal so kurz und knapp das, worum es ging. Amber Heard hat gegen dieses Urteil Berufung eingelegt, kurz darauf Johnny Depp gegen das seine auch.

Es wurden Anträge geschrieben und Antworten auf die Anträge, es gab „amicus briefs“ von feministischen Organisationen, die das Urteil gegen Amber Heard nicht hinnehmen wollten, weil sie der Ansicht waren, dass das Frauen, die Gewalt erfahren haben, davon abhalten könnte, dies anzuzeigen. Seit dem 1. Juni wird fleißig beantragt und im Internet natürlich ebenso fleißig diskutiert. Alle waren der Ansicht, dass das Berufungsgericht sich frühestens im ersten Quartal 2023 mit der Sache befassen würde und jetzt das: Ein Vergleich. Das fühlt sich für alle, die diesen Prozess verfolgt haben, jetzt an wie ein in voller Fahrt gebremster ICE.

Die interessierte Frage ist: Warum? Warum jetzt? Und warum diese Konditionen? Da befinden wir uns im Spekulationsraum. Möglicherweise hat Amber Heards Versicherung die Notbremse gezogen (sie hat zwei, die eine klagt gegen die andere, die andere gegen Amber Heard, denn niemand möchte die Prozesskosten tragen). Das klingt wahrscheinlich, denn die Prozesskosten waren mit Sicherheit astronomisch und den Dokumenten zufolge, die die Versicherungen bezüglich ihrer Klagen eingereicht haben, gab es da wohl auch einiges, was nicht ganz vertragskonform war. Vielleicht hat sie auch einfach keinen Nerv mehr oder es wird ihr eventuell einfach zu gefährlich. Man weiß es nicht.

Johnny Depp hat von vornherein gesagt, dass es ihm nicht ums Geld ginge, sondern um seinen Ruf. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er irgendein Interesse daran haben sollte, Amber Heards Leben vollständig zu zerstören. Insofern kann ich mir seine Gründe für den Vergleich gut vorstellen.

Aber man merke auf: Dieser Vergleich bezieht sich nicht auf das Ergebnis des Prozesses! Nach wie vor steht Folgendes: Amber Heard wurde der Verleumdung für schuldig befunden, die Jury hat es aufgrund der Beweislage als erwiesen angesehen, dass ihre Anschuldigungen gegen Johnny Depp nicht der Wahrheit entsprechen. Auf der anderen Seite bleibt stehen, dass Johnny Depp weiter für die in der Presse veröffentlichten Äußerungen seines Anwalts verantwortlich ist.

Das Statement, das Amber Heard zu diesem Vergleich veröffentlicht hat, kann man kritisch sehen; ich persönlich finde, dass es zeigt, dass sie nichts aus diesem Prozess gelernt hat, aber das bin ich, andere Leute mögen das anders sehen.

Weswegen ich das hier noch einmal aufschreibe? Ganz einfach: Ich habe diese Angelegenheit recht lange verfolgt, weil ich irgendwann man darüber gestolpert bin (YouTube, halt) und dann angefangen habe, nach Informationen zu suchen, die die Schilderungen von Amber Heard bestätigen (ich habe keine gefunden, aber das nur am Rande). So habe ich ein ganz gutes Gefühl dafür bekommen, was die Boulevardpresse (und die Boulevardsendungen) daraus machen werden. Und da hätte ich einfach ganz gerne etwas, was ich in Kommentaren oder auf Twitter verlinken kann.

Ich hoffe, dass dieser Text informativ ist und tatsächlich hilft, das eine oder andere Gerücht zu widerlegen. Vielleicht schreibe ich auch noch ein bisschen was zu den Nebenpfaden dieser sehr langen Geschichte auf. Wir werden sehen.

The Futility of an Open Letter and the Quest for Social Media Justice

Social Media Logos

Again. I didn’t want to write about this blasted case any more. But I have issues, especially in the PR and media department. So, let’s get into that.

We are talking about Experts Support Amber Heard, an open letter signed by a whole lot of organizations that support women who suffer violence in their intimate relationships and even more „experts“ on the topic from the fields of law, psycology, personal experience, even finance. They mix up two aspects: Ms Heard’s personal experience, being a person of a certain amount of fame, with comments in social media on her allegations and her behaviour before, during and after trial on one hand. On the other, with the ability of all women to report intimate partner and sexual violence without having to fear harassment and intimidation. And believe me when I say that these are two completely different issues.

Follow the link, read the letter – in my opinion it is short, but revealing. There are plenty of people who got into the contents of this letter, so I won’t touch that in length. There is nothing new to talk about anyway, just what has been repeated over and over ever since Ms Heard’s statements in her op-ed went to trial: Ms Heard was harrassed by cohorts of Johnny Depp’s fans, there was „disinformation, misogyny, biphobia and a monetized social media environment where a woman’s allegations of domestic violence and sexual assault were mocked for entertainment.“ So much on this.

What I find astonishing – and really troublesome – is the mixing of general observations (women should be able to report violent behaviour of their spouses against themselves without fearing being threatend or mocked) with specifics of a libel lawsuit (a jury found that Amber Heard – not every women reporting the above mentioned – lied about what she implicated in her op-ed). No one in their right mind will contest the general statement. A lot of people will contest the statement about the specific outcome of the specific lawsuit. We know that, we went over that more than once.

So, what interest should these organizations have to just hammer on exactly this case? Why on earth should they stubbornly make Amber Heard out as a victim of a shameful injustice, not only in the famous court of public opinion, but also in reference to the outcome of the trial? What is the benefit, especially for organizations claiming they help women in the dire situation of breaking free from an abusive, violent intimate relationship? Well, that is a public relations topic that is not that easy to digest, I’m afraid.

Most of those organizations are bankrolled by donations (and perhaps by government funds dedicated to NGOs in that field). They have a vital interest in justifying their work – and, make no mistake, I think this work is more than necessary, because women in these situations often need support, they need people that believe them unconditionally and don’t brush their allegations aside. Amber Heard, through this op-ed was made out as a figurehead for women fighting for their right to speak up; she cooperated with the ACLU to pen this op-ed, so that she could become the organization’s spokesperson on the topic. For the ACLU, it was vital that she was a victim that heroically spoke up and went through the repercussions that came along with that. This is at the root of this letter and this is why Amber Heard must remain a victim, unfairly tried, unfairly judged by jury, court and social media.

For a certain kind of organization, women who suffer domestic violence and/or sexual assault need to be kept in fear, have to feel unsafe and must not trust the legal system so that the cause can be taken further. But if organizations need to keep the status quo to justify their existence and secure their finances, what good are they for those who they intend to help? That sounds harsh. And, honestly, I don’t think that things are that black and white. There may be fear of losing credibility if they admit that they just were led up the garden path. That is a problem our society has in general: mistakes. If you watched that trial – and it was broadcast in its entirety over the internet, with and without comments – and came out on the other end without at least strongly doubting Ms Heard’s allegations, I really doubt that you paid attention. It was bad, not for women who report domestic violence, but for  organizations that support them and these organisations‘ credibility, because they supported a person that is so obviously lying.

The best course of action would be to say „sorry, we believed the wrong person“. To just admit fallability and admit that there are, indeed, women who lie for their own gain and fame. To reassure that that does not affect the credibility of victims in general or women especially. That this was a special case. But no. All those warriors for the female cause are incapable of doing that (and, in doing so, they are stubbornly adopting a behaviour attributed mainly to men). That is not feminsm, ladies. That is just downright dumb, I am so sorry to say.

We all know that there are men who deliberately destroy the women they claim to love. The fact that there are quite a lot of them is well documented. We all know that the most dangerous time in the life of a woman is when she decides to leave the man she is living with in a toxic relationship. We know that women are demeaned, beaten, raped and murdered in intimate relationships with men and we know about the danger the children are in if their parents‘ relationship takes a violent turn. All of this is a fact, we can read about this daily. Murder of women by their male partners has become such a common event that there is a name for that: Femicide. I think we need to keep that in mind to understand the state of mind of the representatives of organizations dedicated to the protection of women from their violent male partners when I talk about an equally egregious type of human being: Women who use these facts for their own gain.

Not every woman who claims she is being abused by her male partner is what she appears to be. And it seems as if it is not too uncommon that women who have to lose a lot (material goods, their children, social status, for example) resort to lies and accusations to get out of the separation or divorce from their male partners with what they think they are entitled to and would not get in another way.

There are even women who are violent themselves, treating their male partners in demeaning and violent ways. We all know the jokes about men who after a boys‘ night out are recieved by their wives or girlfriends with a frying pan or a rolling pin in their hands, ready to beat the crap out of the guy and the jokes about men being henpecked and afraid of their wives. Fact is: Those men exist as much as the abused and mistreated women exist. They usually do not come forward, because while battered and mistreated women can count on compassion and commiseration, men see themselves being exposed to mockery and derision – at least in their minds.

Greg Ellis, an English actor underwent quite an ordeal and put his experiences into a book, ‚The Respondent‘. And that brings us to a systematic approach mostly women take to get rid of their male partners: Destroying their reputation and their ability to work and thus earn a living.

Toxic relationships usually start out quite romantically, we should not forget that. They are either based on real romantic feelings or on a certain pretension by one or both partners in order to get something out of the relationship other than romance. That might be prestige, perhaps security, support, access to professional or personal opportunities one would otherwise not have – that kind of thing. If both partners know about that and consent to it, that might work. If not, there might come a day when disappointment and frustration come around. Perhaps, one partner would have the power of getting the other a job opportunity but does not help. Or one partner regards the other as their property which leads to attempts to gain a freedom the ‚owner‘ would not allow, such as meeting with friends, going out, talking to people of the ‚weaker‘ partner’s choice. Whatever that may be, and whatever the reason of disequilibrium of power in a relationship is, the ’stronger‘ partner will try to maintain their ‚power‘ over the other, the ‚weaker‘ partner will try to make things work until they cannot and do not want to do that anymore. In a whole lot of cases, that ‚weaker‘ partner is the woman, the ’stronger‘ is the man. But there are dynamics when this is not the case.

The resort to violence is not a privilege of men, nor is psycological abuse. Women, for usually being physically weaker than men, tend to resort to a certain kind of psychological warfare, demeaning their partners. They accuse their partners of not providing for the partnership or familiy in a sufficient way, of not helping, of being unfaithful, of not being able to be unfaithful for a lack of attractiveness, they demean achievements and exaggerate failures, that kind of thing. There are examples galore, in fiction as well as in actual cases. But women do not restrain themselves to that, there are those who resort to violence.

There is even an instruction manual to ‚Destroy A Man Now‘, that is mentioned in Greg Ellis‘ book. DAMN, a method to get back at the man. It talks about the use of allegations, media and authorities to ruin a man’s reputation and thus his life. Basically it goes like this: First, you allege inacceptable behaviour, then you get the media to report that and once the reporting gains traction, you accuse authorities of not doing enough to remedy the situation. The book can be obtained online, go and google it, I will not promote it here.

Going back to Amber Heard, I am afraid that she followed the instructions almost to the letter. I have been following the case ever since there was a short mention of Johnny Depp being accused of mistreating his wife on German TV – that must have been some time by the end of 2019 or early 2020. I just went and googled and found people who got themselves not only the reports out of the yellow press but also the court documents and the audio files. I read, I listened and I paid attention to the contextualization by lawyers. And I honestly searched for sources supporting Ms Heard’s claims with facts. For example, when you have two black eyes and a broken nose, there must be a medical record. And the day after someone broke your nose and hit you on both eyes so that you have two black eyes, there is swelling in your face. There is no way of cooling these injuries in a way that they won’t show under the heat of spotlights in a TV studio. None at all. So, there would have needed to be a medical record buried somewhere in the court documents, it had to be mentioned – it wasn’t. That was the starting point of my personal disbelief. I simply was unable to dig up hard proof of physical violence. The psychological abuse was mainly debunked by the audio files, so in the end, I was empty-handed on my quest for evidence in favour of Ms Heard. So, I just followed the case to see what developments there might be, what facts might come to light. And I’m sad to say, there were none.

That makes Amber Heard someone who did damage to women and, insofar the authors of that open letter are right, the verdict of this trial, damaging to women. But it is not because no one believed Amber Heard. It is because Amber Heard displayed how a woman is capable of destroying a man’s life with lies. How she used the media to do her bidding. How media use the words ‚alleged‘ and ‚allegation‘ to serve a very juicy story that people will eat up and respond emotionally to – so that ad sales keep the dollars rolling in. This is a very unhealty symbiosis between accuser and media and, in my opinion, media should really review their role in occurrences like this, asking themselves if it is really necessary to blurt each and every unfounded allegation into the world instead of doing their due diligence in research. But that is a side topic that needs to be discussed further in the future.

The emotional response of users on both sides was to be expected and it is part of the methodical package. We can see that not only in the case of a favourite celebrity being accused or accusing of horrendous deeds, but also in political discussions. Look at what lead to the events on January 6, 2021, look at the ‚discussions‘ around the midterm elections in the USA. Look at BREXIT. Look at everything COVID. Look at the energy crisis we are in the middle of at the moment. Good news is no news and mere facts are boring. So, add a bit of spice and let the mob loose. I would like to appeal to everybody reading this rather long text to keep control of their emotions and check facts. You need at least three sources, and you should get them from as broad a spectrum as possible. The louder the headline, the less trustworthy the source. Be careful, do not let media use you. Think critically. Please!

What I have to add, just to make that crystal clear, is the fact that the mocking and demeaning of Amber Heard might be deserved, but I find it disgusting nonetheless. There is a difference between commenting on legal proceedings and personal attacks. I can understand that it is difficult to stay with the matter when talking about this trial instead of giving in to emotion and going against the person. The blatant lying is infuriating, yes. But going against the person instead of going with the facts, giving in to the heat of the emotion instead of staying with the cool argument will put you in a position where you are simply wrong, even if you are right. So don’t do that, please.

So, to the organizations who support women: Do keep up the good and valuable work. But look at what you do and if you choose someone to speak for you, a bit of scrutiny can’t do harm. And if you are mistaken, just say sorry, admit your mistake and go on. Don’t go on just because you fear for your credibility when you are simply off the mark. Please.

To those who support people on social media: Please keep your eye on the matter, not the person. You don’t even know Amber Heard, you have no idea who she really is. What she is not: A replacement target for people you have a problem with, a punching bag for you to hit when you haven’t got one at hand, a joke for you to laugh about. I personally think that she has more problems than those that might be solved legally and I urge you to give her the space to find her balance.

In the end, we are talking about people, real living, breathing people. We might regard some as nicer and others as simply unbearable. But we should stay civilized, especially because everything you write into this internet will stay here forever.

On YouTube, I found a contribution to the broader scope of the issue of social media outrage that forms the basis to fan behaviour like the one we could observe in this case: „Cancelling“: A Culture of Retribution. I recommend watching it, especially if you seem to get caught up in a fight that is not yours.