Wuthering Heights oder das Scheitern an einer klassischen Vorlage

Hochmoor in Yorkshire

Ich habe mir Wuthering Heights in der Originalversion (also auf Englisch) angesehen. Meine Güte, war das ein merkwürdiger Film! Es ist wirklich selten, dass ich aus dem Kino komme und nicht weiß, ob mir der Film gefallen hat oder nicht. Genau das war hier der Fall.

Zusammengefasst, möglichst ohne zu spoilern: Wer das Buch noch nicht gelesen hat, sollte das besser vor dem Kinobesuch auch nicht tun. Der Film ist ein ziemlich unscharfes Kondensat, er erzählt nur einen Teil der Geschichte, das auch noch wirklich lückenhaft und das spricht tatsächlich gegen ihn, denn das Buch hat für die damalige Zeit einen gesellschaftskritischen Ansatz. Der fehlt dem Film völlig, er will von zwei Menschen erzählen, die verliebt ineinander sind und sexuelles Verlangen entdecken, was sie an den gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit zerbrechen läßt. Das ist, um es milde auszudrücken, danebengeglückt.

Wuthering Heights erzählt in sehr machtvollen Bildern, die Geschichte ist phantastisch in Szene gesetzt. Die schauspielerische Leistung ist fast durchgehend außerordentlich gut. Und trotzdem ist dieser Film nicht stimmig in sich. Er enthält Elemente, die einfach nicht zu der Vorlage passen, die in frühviktorianischer Zeit geschrieben wurde. Ja, wir gehen heute völlig anders mit Verliebtheit, Begehren und sexuellen Handlungen um. Das Dargestellte passt aber einfach nicht in die Zeit, die dargestellt werden soll und noch weniger in die Erzählung.

Es geht tatsächlich mit dem höchst merkwürdigen Set los, mit dem Kamin in Thrushcross Grange, dessen Sims und Öffnung aus weißen Händen besteht ebenso wie die Kerzenleuchter, die an der Wand angebracht sind. Dann ist da Wuthering Heights selbst, das von Anfang an wie eine düstere, schmutzige Ruine wirkt. Einige Aspekte der Kostüme sind ebenfalls leicht irritierend, was ich auf den Versuch zurückführe, die Geschichte „modern“ zu erzählen, und die Dialoge sind teilweise wirklich schwer mit den jeweils handelnden Personen zu vereinbaren.

Nicht zu reden davon, dass es sehr viel um Sex geht. Offensichtlich ist in der amerikanischen Filmindustrie noch immer nicht angekommen, dass Sex und Liebe nun wirklich nicht dasselbe sind und die Darstellung von Sex zwar durchaus die Erzählung unterstützen kann – aber dass zu viel des Guten die Erzählung auch beschädigen kann. Ich denke, das ist hier passiert. Die Drehbuchautorin (die auch Regie geführt hat) hat hier einfach mal etwas BDSM eingeflochten, eventuell auch hier, um die Geschichte „moderner“ zu erzählen oder um sie irgendwie interessanter zu machen (das würde aber voraussetzen, dass sie die Schwächen ihres Drehbuchs gesehen hat).

Um noch einmal auf die Dialoge zurückzukommen: Hier sind einige wenige Passagen wortwörtlich dem Buch entnommen und sie werden tatsächlich großartig von den Darstellern abgeliefert. Tiefgründig, glaubwürdig, geschriebenes Wort mit Leben erfüllt. Andere Teile sind wieder abrupte Kehrtwendungen in albernes, oberflächliches Gehabe, das zwar ebenso gut präsentiert wird, aber dann den Eindruck macht, als ob die eben noch gedankenvolle Person von einem Moment auf den anderen zu einem verwöhnten Kleinkind wird, das sich im Supermarkt schreiend auf den Boden wirft, weil es einen Lolli haben will. Soll das der innere Konflikt der handelnden Personen sein? Die Gratwanderung zwischen einem verwöhnten Balg und einer tiefgründigen Person mit Gefühlen und Charakter? Wenn ja: Wer ist denn auf diese Idee gekommen? Gerade die Dialoge erinnern mich an ein Puzzle, das zwar eigentlich dasselbe Bild darstellt, dessen Teile aber einfach nicht zusammenpassen und die deshalb gewaltsam zusammengehämmert wurden.

Ich habe einen Film gesehen, der eine klassische Vorlage auf moderne Art auf die Leinwand bringen wollte und daran grandios gescheitert ist. Wuthering Heights hat großartige Momente, phantastische Szenen, einfach tolle Darstellungen, eine großartige Kameraführung – und unpassende, verstörende Dialoge und Handlungen, ein unter Modernisierungsgesichtspunkten durchschnittliches, als Adaption eines klassischen Stoffs einfach gnadenlos schlechtes Drehbuch und eine gedankenlose Regie. Das ist ausgesprochen schade und ich finde, dass die Darsteller, die Kameraleute, die Requisite und die Kostümbildner das einfach nicht verdient haben. Der Film wird als Liebesgeschichte verkauft und die Intention war wohl auch, eine große, tragische Liebesgeschichte zu erzählen. Das scheitert schon daran, dass die Vorlage keine Liebesgeschichte ist und dass das, was vom Film erzählt wird, mit Liebe nicht das Geringste zu tun hat.

 

Deadpool and Wolverine

Kinoleinwand, vor der sich ein blauer, von unten angestrahlter Vorhang öffnet.

Ich komme gerade aus dem Kino, denn unser örtliches Filmtheater hat Deadpool and Wolverine heute, am Sonntag, um 10:50 Uhr angeboten, ich bin gerade mit einer wirklich üblen Erkältung durch und huste noch ein wenig und ich dachte mir, dass in der Vorstellung bestimmt sehr wenig Leute sein würden und ich mich weit von den anderen Leuten weg setzen könnte (das hat auch geklappt). So habe ich knapp 30 Euro ausgegeben für das Ticket und eine große Portion Nachos mit drei Töpfchen Käsesauce und habe mich ins Vergnügen gestürzt. Damit die Erinnerung nicht verblasst, dachte ich mir, ich schreibe dann hier eben auf, was es zu erzählen gibt (und ich tue mein Möglichstes, um nicht zu spoilern).

Vorneweg: Wer gut genug Englisch versteht, sollte sich unbedingt die Originalversion antun. Ich habe auf Deutsch synchronisierte Trailer gesehen und die Synchronisation ist mit Sicherheit nicht schlecht – sie kann aber nicht ans Original heranreichen, allein schon wegen Ryan Reynolds. Der Mann hat eine unverwechselbare Stimme und ein Timing, das einfach unschlagbar ist. Das geht, wenn man nach den Trailern geht, leider in der Übersetzung ein Stück weit unter; Deutsch ist eben wirklich eine völlig andere Sprache, hat ein anderes Timing und das alles lässt sich leider nicht hundertprozentig übersetzen.

Ich habe mir die Originalversion angetan und hatte gut zwei Stunden  ausgesprochen amüsante Unterhaltung. Deadpool war ja schon immer eine sehr blutige Angelegenheit und auch hier haben die Kunstblut- und Flughirn-Hersteller sehr, sehr gut verdient. Es fliegt auch einiges in die Luft und die computergenerierten Effekte sind, wie von Marvel nicht anders zu erwarten, wirklich fabelhaft. Ansonsten lebt der Film tatsächlich von Ryan Reynolds‘ quirliger Darstellung, den witzigen Mono- und Dialogen und von einigen Überraschungen.

Man darf sich auf einige sehr unerwartete, aber angenehme Überraschungen freuen, vor allen Dingen eine ganzen Reihe von Cameo-Auftritten, mit denen man nicht wirklich gerechnet hätte. Das Marvel-Universum ist groß und sehr vielfältig! Es gibt ein paar sehr witzige Seitenhiebe, die nicht unbedingt wahrnehmbar sind, wenn man die eine oder andere Vorgeschichte nicht kennt, aber das macht nichts, der Film unterhält sehr mühelos und leichtfüßig.

Insgesamt ist dieser Film solide, sehr gut gemachte Unterhaltung. Er hüpft durch die etwas mehr als zwei Stunden wie Deadpool durch eine Blumenwiese. Der Film wird voraussichtlich keinen Oscar gewinnen, aber er beansprucht den Zuschauer auch nicht mit dem Versuch mehr zu sein, als er ist und dafür bin ich persönlich sehr dankbar. Es gibt auf die gesamte Filmlänge nichts Überzogenes, gewollt Künstlerisches und das Werk bleibt, was es offensichtlich immer sein wollte: Eine herrliche Klamotte mit vielen wirklich sehr gut gemachten Kampfszenen, die nicht wirklich für schwache Nerven geeignet sind und zum Ausgleich viel Witz und auch einigem an Esprit.

Ich habe den Film sehr genossen und empfehle ihn wärmstens allen, die diese nicht ganz ernsthaften Superheldenfilme mögen.