In der Piratenpartei brennt mal wieder eine Diskussion darum, wie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auszusehen hat. Grund genug, um einmal kurz darauf einzugehen, worum es der politischen Geschäftsführung geht und weswegen hier Qualität abgefordert wird. Nehmen wir also als Beispiel eine Pressemeldung, die von einer Person geschrieben wurde, die eigenen Angaben zufolge seit ungefähr acht Jahren im Presseteam mitarbeitet.

Die Überschrift:

Die Piratenpartei Europa ist handlungsfähig!

 

Kritik:

Das ist schon mal der erste Fail. „Handlungsfähig“ wird hier kein positives Gefühl erzeugen. Wer jetzt handlungsfähig ist, der war es vorher nicht. In Anbetracht der Tatsache, dass dies die Betreffzeile einer Mail wäre, kann man sich gut vorstellen, wohin ein Journalist, der das liest, die Mail verschieben wird. Neugier erzeugt das jedenfalls garantiert nicht, zumal wir davon ausgehen dürfen, dass die überwiegende Mehrheit der Journalisten noch nicht einmal weiss, was die Piratenpartei Europa sein soll, die da handlungsfähig ist.

Was könnte denn einen Journalisten neugierig machen auf die Piratenpartei Europa?

Mein Vorschlag:

Europaweit handeln: Die Piratenpartei Europa

Erster Absatz:

Der  12. April 2018 ist für die European Pirate Party  (Piratenpartei Europa – PPEU) ein wichtiger Tag. Fast genau vier Jahre nach der Wahl des  ersten Vorstandes und nur fünf Monate nach der Wahl des aktuellen Vorstandes ist es gelungen, die Partei offiziell in Luxemburg zu  registrieren und in die Handlungsfähigkeit zu überführen.

Kritik:

Das klingt nach Anstrengung, Schweiß und Tränen, nach dem Überwinden von schrecklichen Widerständen – und liest sich auch so. Im Übrigen ist es dem Journalisten vollständig schnuppe, welcher Vorstand wann gewählt wurde und wie lange der aktuelle Vorstand gebraucht hat – es zählt das Ergebnis. Und das kommt am Ende eines sehr, sehr langen, verschachtelten Satzes. Spätestens hier wird es jemandem der zwischen fünfzig und mehreren hundert Mails täglich sichten muss, zu blöd – das Ding fliegt in die Rundablage. Wie verhindern wir das? Indem wir das Unwesentliche herauskürzen und die Nachricht, die wir gern vermitteln möchten, ganz prominent nach vorn stellen.

Mein Vorschlag:

Seit dem 12. April 2018 ist es soweit: Die European Pirate Party wurde offiziell in Luxemburg registriert und ist damit eine europaweit agierende Partei.

Zweiter bis sechster Absatz:

Carsten  Sawosch, Bundesvorsitzender der Piratenpartei, hierzu: „Ich  beglückwünsche den Vorstand der Piratenpartei Europa für die  erfolgreiche Umsetzung dieses sehr wichtigen formalen Akts.“ 
 
Inhaltlich  haben die europäischen Piraten bereits länger Ergebnisse vorzuweisen.  Die Konturen eines gemeinsamen europäischen Wahlprogramms sind deutlich  erkennbar in den Themen Datenschutz, Digitalisierung und Bildung, auch  der soziale Zusammenhalt in Europa wird ein wichtiges Thema sein.
 
„Die  Piraten Deutschlands werden sich mit diesen Fragen in Zukunft auch  weiterhin einbringen. Mit vereinten Kräften werden wir die kommende  Europawahl 2019 erfolgreich für alle europäischen Piraten gestalten.“  ergänzt Carsten Sawosch.
 
Im  Februar dieses Jahres hatte die European Pirate Party begonnen, sich um  ein gemeinsames europäisches Wahlprogramm aller Piratenparteien in  Europa zu kümmern. Erste Treffen der Parteien verliefen konstruktiv und  ergebnisorientiert. Das Programm wird Ende des Jahres 2018 vorliegen.
 
Die  European Pirate Party – PPEU – ist ein Zusammenschluss aller  Piratenparteien in Europa und soll nach einer Wahlrechtsänderung zu den  Wahlen zum Europaparlament antreten. Bis dahin wird die PPEU das  europäische Gewissen und Dach der Piratenparteien sein.

Kritik:

Puh. Das ist ungefähr so interessant wie ein Verwaltungstext. Unsere Aufgabe hier: Kürzen, kürzen, kürzen. Das Zitat über zwei Absätze zu verteilen ist ausgesprochen ungeschickt; dummerweise gibt’s kein Zitat des Vorsitzenden der PPEU, aber was will man machen, da kann man nur mit dem arbeiten, was man zur Verfügung hat und das ist der Bundesvorsitzende der deutschen Piraten. Also kondensieren wir doch erstmal das Zitat zusammen, so dass es etwas mehr Schwung bekommt und interessanter wird.

Mein Vorschlag für das Zitat:

Carsten Sawosch, der Vorsitzende der Piratenpartei Deutschland, freut sich: „Endlich wird die Piratenpartei auch offiziell, was sie immer war: Eine internationale Bewegung, die sich länderübergreifend für eine wirklich europäische Politik des 21. Jahrhunderts einsetzt!“.

Hinweis:

Das ist ein wenig Phrasendrescherei, ja. Aber es  hat den Vorteil, dass darin „international“, „länderübergreifend“, „europäisch“ und „21. Jahrhundert“ vorkommt. Das sind sehr wichtige Schlagworte, die wir dann im nächsten Absatz vertiefen können, der möglichst auch der letzte Absatz sein sollte.

Mein Vorschlag für den letzten Absatz:

Die europäischen Piraten beraten derzeit mit Blick auf die Europawahl das gemeinsame Programm, mit dem alle Piratenparteien in Europa antreten werden. Landesspezifische Zusätze werden jeweils folgen. Damit ist die Piratenpartei diejenige Partei, die sich wirklich auf europäischer Ebene für alle Bürger Europas einsetzt.

Hinweis:

Man kann hier noch einen vierten Absatz anfügen mit spezifischerer Information; intelligenter ist es aber, tatsächlich auf die Website zu verweisen, sofern die weiterführende Information dort erhältlich ist. Merke: Journalisten haben keine Zeit  und die Piratenpartei ist schon lange nicht mehr das Lieblingskind der Presse. Deshalb: Halte deine Pressemeldungen kurz aber so, dass ein Journalist sie problemlos kopieren und einfügen kann; dazu sollte dann die Möglichkeit für weiterführende Information gegeben werden – das muss aber dem Journalisten selbst überlassen bleiben.

Fazit:

Diese Pressemeldung wurde, wie oben schon erwähnt, von jemandem geschrieben, der seit langen Jahren in der Pressearbeit der Piratenpartei engagiert ist. Und sie ist in der Tat eines der besseren Erzeugnisse des Teams, das sich so sehr gegen ein Anheben der Qualität der Texte wehrt. Nun frage ich den geneigten Leser:

Was mag wohl das Problem in der Pressearbeit der Piratenpartei Deutschland sein? Ist es eine politische Geschäftsführerin, die sicherlich nicht die Empathie in eigener Person ist, aber sehr berechtigte Kritik an der Arbeitsweise des Teams hat?

Oder könnte es sein, dass unser Problem doch darin besteht, dass wir mit den Erzeugnissen, die wir produzieren, unsere Zielgruppen nicht erreichen? Ist es möglich, dass es Verbesserungspotential gibt? Kann es sein, dass es vielleicht ganz gut wäre, die Fähigkeiten der einzelnen Teammitglieder tatsächlich einer Sichtung zu unterziehen, um dafür zu sorgen, dass die Talente der Menschen, die da ihre Freizeit investieren, nutzbringend eingesetzt werden, um Fortbildungsbedarf zu ermitteln und um dafür zu sorgen, dass alle deutlich zufriedener arbeiten können, weil sie einfach über die derzeit vorhandenen Kenntnisse hinaus ertüchtigt werden, das Ziel zu erreichen, das allen gemein sein sollte: Die Pressevertreter und die Menschen, die unsere übrigen Erzeugnisse (Blogposts, Social-Media-Posts, Plakate, Flyer) zu Gesicht bekommen, davon zu überzeugen, dass es lohnenswert ist, sich mit den Zielen der Piratenpartei zu beschäftigen, sich damit zu identifizieren und die Partei schlußendlich auch zu wählen!

Selbstverständlich kann man mit den Teammitgliedern Mitgefühl haben, der Ton ist rauh, das ist schon richtig. Das war, seit ich in der Piratenpartei Pressearbeit mache (und das ist jetzt auch schon eine ganze Weile) aber nie anders.

Insofern bitte ich sehr darum, sich einfach mal darauf einzulassen – vielleicht ist der Plan, von dem sich so einige Leute ausgeschlossen fühlen, ja gar nicht so schlecht und vielleicht hat es ja auch Vorteile, Feedback zu bekommen zur eigenen Arbeitsweise. Wenn es dann auch noch Fortbildung gratis obendrauf gibt – wer könnte da meckern?