Ein gutes und gesundes neues Jahr wünsche ich euch und dem Landesverband Bayern alles Gute zum Geburtstag. Auch wenn wir leider zum Feiern nicht viel Anlass haben.

Wir haben ein Jahr mit sehr enttäuschenden Wahlergebnissen hinter uns. Das könnte jetzt Anlass sein, aufzugeben und zu sagen, dass unsere Inhalte offensichtlich uninteressant sind. Aber das halte ich für den falschen Weg, auch wenn einen angesichts der vermehrten Austritte schon die Verzweiflung packen kann. Doch was können wir tun? Wie können wir uns wieder für Wähler attraktiv machen?

Warum sollen die Leute die PIRATEN wählen?

Die Sozialpolitik ist es nicht, so hart dieser Brocken zu schlucken ist. Und auch nicht die Außenpolitik, nicht die Gesundheits- und ebenso wenig die Drogenpolitik. Alle von uns beackerten Politikfelder haben natürlich ihre Anhänger und die Bearbeitung und Erarbeitung von Programm in diesen Feldern hat ihre Berechtigung. Aber sie bringen uns nur minimale Zustimmung ein. Wir können letztlich so gut wie nichts bewegen, wenn wir diese Themen in den Vordergrund stellen. Was also tun?

Darüber habe ich mich Neujahr mit meiner Schwester intensiv unterhalten. Die hatte ein interessantes Erlebnis: Sie geht regelmäßig beim Edeka einkaufen und plötzlich bekommt sie von Google Vorschläge, was sie denn noch so beim Edeka kaufen könnte. Das hat sie nachdenklich gemacht – obwohl sie Mitglied der CSU ist und die Arbeit dieser Partei für Bayern naturgemäß „gar nicht mal so schlecht“ findet. Sie fragte mich, wohin das denn führen solle.

Was, wenn nicht nur die Tatsache, dass sie bei Edeka einkauft, registriert wird, sondern auch das, was sie einkauft? Was, wenn diese Daten an Dritte, beispielsweise an ihre Krankenkasse oder andere Versicherungen gehen? Was, wenn ein Diabetiker eine Tafel Schokolade kauft und dann von seiner Krankenkasse einen freundlichen Brief bekommt, dass er sich sein Insulin demnächst selbst zahlen darf?

Was, wenn das alles, was man da kauft, weitergemeldet wird an Krankenkassen, Rentenversicherung, Lebensversicherung, den Arbeitgeber? Was, wenn jemand meine Payback-Karte oder meine Kundenkarte mopst und jede Woche fünf Flaschen Wodka damit kauft? Wer erfährt dann davon? Und welche Konsequenzen kann das für mich haben?

Thema Vorratsdatenspeicherung:

Durch die Presse geisterte neulich der Bericht des Interception of Communications Commissioner Stanley Burton, der die überwachenden Behörden Großbritanniens bezüglich der Nutzung von auf Vorrat gespeicherten Daten kontrolliert.

Zu viele Tippfehler führen dazu, dass gar zu oft vollkommen Unschuldige verhaftet werden, weil sie angeblich Kinderpornographie verbreiten, weil häufig Tippfehler beim Abschreiben von IP-Adressen vorkommen. Da wurde ein Ehepaar verhaftet, die Arbeitgeber informiert, die Kinder in staatliche Obhut genommen – dabei war da überhaupt nichts. Nichts! Aber der Ruf der Eltern ist dahin, die Kinder sind einerseits traumatisiert, andererseits stigmatisiert. Ist das der Preis, den man fürs Verbrecherfangen in Zukunft zu zahlen hat?

Welche Freiheit haben wir denn, wenn wir aufpassen müssen, mit wem wir kommunizieren, was wir einkaufen, wie wir uns verhalten? Was für eine Freiheit soll das sein?

Unser Leben wird Stück für Stück eingeschränkt, Menschen verkommen zu einer Art Nutzvieh derer, die daran verdienen. So, wie eine Milchkuh gefälligst gesund zu sein, regelmäßig zu kalben und gefälligst ihre siebentausend Kilogramm Milch zu produzieren hat, damit sie gefüttert und gehegt wird. Anderenfalls geht sie halt zum Abdecker. Die Politik schafft die Möglichkeit, die Wirtschaft nutzt sie – und wir haben am Ende das Nachsehen!
Wie lange wird es wohl dauern, bis wir in einer totalüberwachten Welt leben, in der unter Zuhilfenahme moderner Technik darauf geachtet wird, wie wir uns ernähren, wieviel wir uns bewegen, was wir für unsere Gesundheit tun – und anhand dieser Daten entschieden wird, wem es gut geht, wer sich ein Recht auf Erholung, Entspannung, Abwechslung und gute medizinische Behandlung verdient hat und wer auf einen Minimumaufwand zurückgefahren wird, weil es sich nicht rechnet, diesen Menschen dabei zu helfen, wieder auf die Füße zu kommen?

Man kann mit Daten so viel Gutes tun. Man kann tatsächlich Menschen dabei helfen, mit ihrem Einkommen besser zu haushalten, man kann ihnen helfen, sich um ihre Gesundheit zu kümmern, man kann ihnen helfen, sich gesund zu ernähren. Aber: man kann eben auch genau diese Daten benutzen, um Menschen zu gängeln, einzuschränken, einzupferchen und niederzudrücken. Was wird wohl geschehen?

Das, Herrschaften, ist unser Fachgebiet. Das ist es, wo wir selbst bei CSU-Wählern hohe Kompetenz zugesprochen bekommen. Das ist es, worum wir uns kümmern müssen, sollen und werden. Das ist es, wofür die Piratenpartei gegründet wurde und das ist es, wofür so sehr viele von uns eingetreten sind.

Wir sind die, die diese Sachverhalte immer und immer wieder in den Fokus rücken müssen, wenn die Damen und Herren Politiker Altersarmut und Pflegenotstand für ihre Zwecke missbrauchen und als willkommene Nebelkerzen in die Nachrichtenlandschaft werfen, damit wir nicht wahrnehmen, was im Hintergrund passiert.

Es wird also sehr stark darauf ankommen, den Nutzen aufzuzeigen, den der digitale Wandel allen Menschen bringt, während wir den Schaden abwenden müssen, den er verursachen kann. Die meisten Menschen sind – auch dank der wirklich mangelhaften Bildung in diesem Bereich – dem, was da kommt, völlig ausgeliefert.

Wir sind die, die die Überwacher überwachen müssen. Wir sind die, die genau diese wirklich aktuellen Probleme aufzeigen müssen. Wir sind die, die genau an dieser Stelle laut und deutlich sein müssen.

Wir sind aber auch die, die die Möglichkeiten zeigen müssen. Neue Schulfächer (Informatik – Medienkompetenz – Datenschutz) müssen dringend eingeführt werden. Moderne Unterrichtsformen wie Online-Kurse und E-Learning müssen genutzt werden, ebenso wie OER (Open Educational Resources) und freie Software. Die Möglichkeiten des nutzbringenden Einsatzes im Gesundheitswesen, zum Beispiel mit Online-Sprechstunden oder auch Pflegerobotern, die Pflegekräfte entlasten können – es gibt so vieles, was wirklich erfolgversprechend eingesetzt werden kann und muss!

Deswegen sind wir die, die Lösungen anbieten können und müssen!

Wir müssen nicht jede Woche drei Pressemeldungen raushauen. Es reicht, wenn wir jeden Monat drei Pressemeldungen raushauen – kurz, knackig und genau auf diese Thematik bezogen. Fachlich korrekt, gut formuliert. Wir sollten zusehen, dass wir genau zu diesen Themen dann noch Blogbeiträge nachschieben, die ausführlicher sind und erklären.

Was das Programmatische anbelangt: Klar brauchen wir ein ordentliches Programm dazu. Irgendwann werden wir wieder in Parlamenten sitzen, auch wenn das weder heute noch morgen passiert. Deswegen haben wir für die übrige Programmentwicklung, -erweiterung und -anpassung auch tatsächlich Zeit und können sehr sorgfältig und ohne Hektik und Aktionismus daran arbeiten.

Aber: Internet, Technik, Überwachung, Daten – das muss da sein, das muss sitzen und das muss auf allen Kanälen in die Welt geblasen werden. Ab sofort und unbedingt! Sonst vertun wir die nächste Chance – und brechen der Piratenpartei eventuell vollständig das Genick. Es ist unsere Entscheidung. Wir müssen uns fokussieren. Das müssen wir im Verlauf dieses Jahres hinkriegen.

Die Aufzeichnung der Reden vom Dreikönigstreffen findet sich auf  Youtube.